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Christian Tepe über Neuners "La Bohème" 1

Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion

"LIEBE, SCHMERZ, TOD"
Dominik Neuner inszeniert Puccinis "La Bohème" am Bremer Theater als eine Studie über menschliche Verlassenheit“

"In der Neuen Welt heißt Mensch-sein einsam sein." Mit Georg Lukács' Diagnose des bürgerlichen Zeitalters ist auch der Grundton von Puccinis Oeuvre angeschlagen. Nun ist Puccini sicherlich alles andere als ein Gesellschaftskritiker - und doch spiegelt sich in seiner Kunst getreulich die Befindlichkeit des Individuums in der kapitalistischen Moderne wider: Atomisierung, Funktionalisierung und Entsubjektivierung kristallisieren sich in seinem Werk immer wieder zu einer in Melancholie und Schwermut eingekapselten musikalischen Sprache aus. In "La Bohème" ist Mimi die Phantasiegestalt, an der solcherlei Epoche-Gefühl in der Abfolge von Liebe, Schmerz und Tod exemplifiziert wird.

Dominik Neuner macht es sich in seiner Neuinszenierung des Werkes am Bremer Theater zur Aufgabe, die in Puccinis Ästhetik des Weltschmerzes geronnenen gesellschaftlichen Verhältnisse zurückzuübersetzen. Was als naturhaftes Unglück erscheint, Mimis Sterben, dechiffriert Neuner in seiner gesellschaftlichen Bedingtheit: Krankheit als Metapher.

Nicht Mimis Krankheit und ihr Tod, sondern die Art und Weise deren sozialen Vollzugs, die Stadien menschlicher Verlassenheit, die die sterbende Mimi neben einem liebes- und hingabeunfähigen Partner durchleidet, sind die zentralen Themen, die Neuner in seiner von Harry Kupfers Deutung des Werkes inspirierten Inszenierung setzt. Während Mimi im vierten Akt dahinscheidet, läßt Neuner Rodolfo in fast aufdringlicher Deutlichkeit eine Photographie der Geliebten liebkosen. Seine Zärtlichkeit gilt dem Bild, SEINEM Bild Mimis, nicht dem Menschen. Die Anwesenheit der Sterbenden erscheint da beinahe wie eine Störung seines Exzesses grausamer Selbstverliebtheit. Nachdem Rodolfo und die übrigen Bohèmiens längst die Flucht vor dem Tod ergriffen haben, präsentiert Musetta dem Publikum in einem starren Trauergestus unter dem letzten niederschmetternd aufrauschenden Fortissimo des Orchesters Mimis Leiche. Dieses aufrüttelnd-anklagende Tableau ist ein Urteil: Die sich in gesellschaftskritischer Attitüde gefallenen Künsterfreunde ("Macht kaputt, was euch kaputt macht" prangt es an einer Wand ihres Ateliers) verdoppeln in ihrem Versagen vor Mimis Sterben nur die kalte Sozialgleichgültigkeit der von ihnen attakierten Businessgesellschaft.
Nicht alles glückt Neuner so überzeugend, wie die Explikation seiner Hauptidee. Eine Enttäuschung ist der Café-Momus-Akt: Das Treiben der Menge bleibt steril und erfindungsarm, eine Wirkung, zu der auch Hans-Dieter Schaals abstrakte Einrichtung des Bühnenraums und die hier grelle Kostümierung der Cafébesucher beitragen.

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