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Christian Tepe über Kalitzkes Oper „Inferno“ nach Peter Weiss in Bremen

Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion

Erinnerungsverbot und Utopieverlust

Ein Werk, zwei Uraufführungen: Kalitzkes Oper „Inferno“ nach Peter Weiss in Bremen

"Gestorben sind sie. Schuldig sind, die leben“, heißt es in Hölderlins Antigonae-Übersetzung. Die satte, gut amüsierte Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre hatte für diese Erkenntnis kein Gehör. Als Reaktion auf die Verdrängung des Holocaust schrieb Peter Weiss sein erst 2003 aus dem Nachlass publiziertes Stück „Inferno“. Es ist Bestandteil eines unvollendet gebliebenen Triptychons, welches sich auf das Modell von Dante Alighieris in der Verbannung gedichteter „Göttlicher Komödie“ stützt. In „Inferno“ stellt Weiss die Widerfahrnisse eines aus der Emigration zurückkehrenden Schriftstellers („Dante“) dar: Seine Schuldgefühle als Überlebender instrumentalisieren die Täter zur repressiven Integration des Opfers in die neue falsche Gesellschaft.

Wenn nun Johannes Kalitzke auf Weiss’ „Inferno“ eine Oper komponiert hat, so ist dies keineswegs ein Anachronismus, denn ungeachtet aller "Geschichtsaufarbeitung" und „Vergangenheitsbewältigung“ scheint sich an der Grundverfassung der Gesellschaft nicht viel geändert zu haben. Wie anders ist es zu verstehen, dass sich die Erinnerungsarbeit mitnichten zu einem permanenten ethischen Imperativ verdichtet hat und stattdessen Gedankenlosigkeit, die gleichgültige Hinnahme substantieller gesellschaftlicher Ungerechtigkeit und die Leugnung der aktiven politisch-moralischen Handlungsfähigkeit der Menschen den Alltag beherrschen?
Die Hölle sind bei Weiss/Kalitzke Leben und Menschen in der Stadt des Heimkehrers: Heinz Hauser hat sie als ein monumental statisches Gittergespinst entworfen, das in seiner ungreifbaren, aseptisch-abstrakten Sinnlichkeit auf ebenso faszinierende wie beklemmende Weise die anonyme Macht des Kapitals darstellt. Später entpuppt sich diese Drahtkonstruktion als gigantische Verkleidung für das Grauen der Gaskammer. Eine gelb-grüne Zeitspirale unterstreicht die Kontinuität von Vergangenheit und Gegenwart.

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