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Christian Tepe über Verdis Maskenball

Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion

Der König amüsiert sich zu Tode

Prädikat "besonders hörenswert" für Verdis "Un ballo in maschera" in Bielefeld

"Tutto nel mondo è burla" – alles ist Spaß auf Erden. In modifizierter Interpretation dient Beverly Blankenship Verdis berühmte altersweise Losung als Schlüssel ihrer Einrichtung des „Maskenball“ am Theater Bielefeld. Die Entscheidung für die Stockholmer Fassung der einst von der Zensur heftig attackierten Oper rückt die Gestalt des schwedischen König Gustav III ins Zentrum der Aufführung. Der für die Ideen der französischen Aufklärung aufgeschlossene Monarch war 1792 einem politisch motivierten Attentat zum Opfer gefallen. Das Libretto verschränkt diesen historischen Hintergrund mit einer erfundenen Dreieckskonstellation: Gustav liebt Amelia, die Frau seines besten Freundes Anckarström. Doch kommt es nur zu einem Liebesgeständnis beider, nicht zu einer Liebeserfüllung. Davon jedoch geht Anckarström aus und mordet bei Gelegenheit eines Maskenballs als „geschädigter und zugleich schädigender Dritter“ seinen Freund dahin. Blankenships Interesse richtet sich vor allem auf den Charakter des theaterbegeisterten Königs, auf dessen Schwanken zwischen der Einsicht in das politisch Notwendige und einer Unheil stiftenden ästhetizistischen Zerstreuungssucht. Das geht UNS an, meint Blankenship, ist Zeitdiagnose. Verschließen wir unsere Augen nicht auch wider besseres Wissen vor dem Zustand der Welt und flüchten uns in die gigantischen Scheinwelten der Selbstinszenierung ? Und man könnte weiterfragen: Ist gar die Institution der Oper als Ganzes Bestandteil der systematischen Realitätsverdrängung durch das immerwährende Amusement ? Tutto nel mondo è burla ?

Der ironisch gebrochene Fantasy-Stil , den die Regisseurin in ihren Operninszenierungen zu einer Art Markenzeichen entwickelt hat, scheint ihrem Konzept sehr entgegenzukommen. Die Zuschauer sehen Gustav und sein Gefolge nicht nur im Ulrica-Bild durch ein opulentes Spektakel des bewusst faulen Kulissenzaubers hindurchwandern (Bühnenbild: Sandra Meurer). Blankenships stilistischer Ansatz, Oper ganz ohne Zeigefinger als Oper, als Traumwelt auszustellen, dekuvriert exakt den Charakter des Königs, der in all seinen Widerfahrnissen zuerst Anlässe für ein neues spielerisches Abenteuer sieht. Da steht auf verlorenen Posten, wer noch wie Amelia und Anckarström zwischen Kunst und Leben zu unterscheiden vermag. Sie sind die eigentlichen Opfer in dieser Königstragödie und in ihrem verzweifelten Bemühen um Authentizität sowie in ihren Skrupeln (Amelia) die Sympathieträger. Ihnen allein gesteht Blankenship ein natürlich wirkendes Ausdrucksrepertoire zu. Insgesamt sind jedoch dem Versuch, der Oper zuvörderst mit den Mitteln der Fantasy-Ästhetik beizukommen, Grenzen gesetzt. Die Mehrzahl der Figuren bleibt in ihrer betonten Künstlichkeit eigenartig blass und blutarm, selbst wenn sie wie Gustavs Alter Ego Oscar in ständig zappelnder Bewegung über die Bühne flippen dürfen. Die Figuren am Hof werden nicht nur in ihrer Unglaubwürdigkeit präsentiert, sondern die Vorführung ihrer Unglaubwürdigkeit bleibt vor allem selber unglaubwürdig. Während Verdis energiegeladenes Melos stark nach einer realistischen Gestaltung der Charaktere drängt, haftet Blankenships Figuren häufig etwas Marionettenartiges an. Die Impulse der Musik werden von ihr nicht konsequent genug in differenzierte szenische Aktionen umgesetzt. Stehtheater ist dann die Folge. Obwohl es viele Effekte zu sehen gibt, wirkt die Oper über weite Strecken wie entkernt, zu sehr hat Blankenship das Werk – nicht ohne konzeptionelle Gründe dafür vorweisen zu können – in den Status eines sich selbst persiflierenden Kostüm- und Ausstattungsmärchens versetzt. Am Ende ist es eine sehr alte Frage der ästhetischen Präferenzen: (Fantasy)oper oder Musiktheater ? Verschwiegen werden darf nicht, dass das Premierenpublikum die Inszenierung einhellig begrüßte.

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