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Dfacto s24a

d-facto

Ausgabe Sommer 2001

Bizarre Fiktionen - Von Ulrich Holbein

seite24/25

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Bizarre Fiktionen - Über ein fatales Hobby heutiger Jugend

Fiktionsprosa kam um 1968 in Verruf, hat sich aber stets wieder umfassend erholt. Wo SPD-Schriftsteller zu Docu-Fiction übergingen, rettete sich die hochverpönte mythologische Phantasie in Disney-Productions, Science-Fiction, Terminator-Thriller und seit etlichen Jahren in eine Richtung, die sich unschuldig "Rollenspiele" nennt. In jeder Stadt haben sich schwarze Läden eingenistet, in denen es oft auch Comics und CDs gibt und in deren halb keltisch, halb futuristisch düsteres Flair sich Outsider und Erwachsene nur selten hineinwagen. Dort kreisen Schüler und Studenten um Table-Tops, brüten oder fachsimpeln über kompliziertem Regelwerk, mit Attackenwürfeln über Spielbretter gebeugt. Weit über Tanzstunde und Führerscheinreife hinaus kann man in ausgefeilten Abenteuerwelten wohnen und versinken.

Zwar überwanden Emu, 17, und Raffel, 15, ihre Kelly-Family- und Carl-Barks-Phasen. Dann aber wurden Arnold Schwarzenegger, Wolfgang Hohlbein und Geisterjäger John Sinclair nicht abgelöst von Siddhartha und Zarathustra. Die Abenteuerserie subjektivierte sich nicht zum Tagebuch. Nirgendwo litt pubertär ein Subjekt, sondern unverwandelt kämpften Helden und Schurken weiter. Emu und Raffel bauten 7-qm-Kellerräume großflächig mit Todeslandschaften zu. Hunderte Miniaturfiguren agieren dort. Während die Lesekultur bröckelt, boomen Verlage wie "Feder & Schwert" oder "Fantasy Productions" samt groß angelegter Terminologie: Battletech, Earthdown, Inferno, Straßensamurai-Kataloge, Asphaltdschungel. Ein einschlägiges Magazin mit dem unauffälligen Namen "WunderWelten" erscheint zweimal monatlich. Während der oft 24 Stunden am Stück dauernden Spiele treffen sich die Jugendlichen ganz in Schwarz und legen hierzu auch mal "Carmina Burana" auf. Man kann eine einzige Partie durchaus jahrelang spielen, mit Unterbrechungen. 80 % der Jungs und 20 % der Mädchen aus Raffels Klasse spielen solche Spiele. Raffel: "Der Rest zu dumm dazu." Vor Spielbeginn werden den Figuren vorgeschriebene Uniformen angemalt. Behängt mit Energieäxten, Sprenglanzen, Plasmawerfern, Nadelpistolen, marschieren aufgelistete Archetpyen - Bandenmitglied, Dealer, Ex-Soldat, Geheimagent, Inspektor, Konzerner, Okkultist, Rächer, Rocker, Straßenkämpfer, in summa unversöhnliche Rambo-Varianten -, angeführt von Emu und Raffel, durch Territorien aus Kultzentren, Katastrophengebieten, Schlachtfeldern, Slums, Zuchthäuser und Klapsmühlen. Man tritt an gegen Geheimgilden, planetarische Gouverneure, imperiale Florten. Je nach dem Würfelergebnis der Spieler Emu, Raffel und ihrer Freunde Sascha, Chris, Nils und Kai verliert dann der betroffene Aspektkrieger etliche bis alle Lebenspunkte.

Emu, der nie Fragen stellt, antwortet nur mit Dreiwort-Sätzen. Raffel nuschelt und lispelt viel über Parallelwelten, verbotene Zonen, uralte Zeremonien, Ritualmorde, Bruderkriege, Gnadentode, Weltenbrände, Eliteabteilungen, totale Säuberungen, Mobilisierung letzter Reserven. Die billigsten Fanatiker, Schlächter, psychopathischen Killer: 15,- DM. Die teuerste Aktionsfigur, ein zweiköpfiger Chaosdrachen: 90,- DM. Die Basiswerke des Hightech-Dunkelkults kosten selten unter 58,- DM, das WARHAMMER-40000-Grund-Set gleich 150,- DM. Emus und Raffels geschiedene Eltern wissen kaum, was für Anschaffungen sie da neben dem Violin- und Keyboardunterricht finanzieren. Die Keller-Landschaften assoziieren sie mit den Faller-Häuschen und elektrischen Eisenbähnchen ihrer eigenen verschwundenen und verteidigten Kindheit, halten sie also, trotz aller Abschussrampen, für pädagogisch vertretbar. Obwohl die Privatarmeen, Sträflingstruppen und Söldnerheere kaum noch den Nachfahren romantischer Zinnsoldaten und Nussknacker ähneln. Und nirgendwo in der schwermetallkalten Wimmel-Leere ein Fünklein Freude - Emu bestreitet dies! Nirgendwo Erotik, wenigstens Sex, weder Entertainerin noch Marketenderin, weder Papagena noch Barbarella, keine Hebamme, keine Rote-Kreuz-Helferin. Der einzig auftauchende Frauenarchetyp: der Vamp, gesandt von Slaneesh, dem "Gott der fleischlichen Gelüste". In dieser Welt fehlen auch angenehmere Männertypen ganz: Pazifist, Philanthroph, Völkermordforscher, Weltverbesserer, Moderator, Hausmann, Mitläufer, Blauhelm, Totalverweigerer, Deserteur.

Jugendbuchautor Michael Ende hatte die Phantasie favorisiert, zwecks Rettung der allzu erwachsenen, grauen Welt. Hightech-Dunkelkult bedarf keiner Eidhelfer, Proklamateure, Beschleuniger, Wachhalter, sondern eher Dämpfer. Emus und Raffels Combiwaffen, Virusgranaten, Salvengeschütze sind zukunftsgemäß aus Plastonid-T-Stahl, Phantomkristall oder Adamantium. Kampfmasken steigern ihre Kampfschreie per psi-akustischem Verstärker zu einer Intensitätswelle, aus der kein zentrales Nervensystem ungelähmt hervorgeht. Emu und Raffel sind sauschlecht in Fremdsprachen. Aber sie haben all die Renegaten, Ekkleslarchen, Navigatoren, Veteranen, Kultisten, Zeloten, Mutanten, Kropophagen, Termaganten, Carnifexe, Tyraniden, Servitoren, Symbionten optimal am Schnürchen. Einerseits Geist, also hochkomplexes, IQ-forderndes, fremdwortreiches Regelwerk, andererseits Natur, nämlich subjektloses, dumpfes Hickhack! Einerseits boomt weltkriegsspielzeugverherrlichendes Schrifttum.

Andererseits sind viele religiöse Motive im Meltingpot der Archonten, Imperatoren und Terminatoren spürbarer präsent und aufgehoben als in offizieller Gegenwartskunst: Alle Chaoshunde und Vorzeitrecken betätigen sich - mit neuem Know-how versehen - als auferstehende, in dieser goldgrund- und lichtblickamputierten Militärgnosis. Dem Ältesten, durch das noch Älteres bricht, gehört überall jede Zukunft. Dreißigtausendjähriger Krieg zwischen den menschenähnlichen Anhängseln ihrer vorschnellenden Zielarme, farbloser und erfolgreicher als Szenarien von Ray Bradbury, Philip K. Dick, Stanislaw Lem und hundertmal desolater und komplizierter als Samuel Beckett. Von Tolkien blieben nur die kaum umgetauften, plündernden Orkhorden. Kein Gnom ohne MG. Und obwohl sich Emu und Raffel seit drei Jahren Tag für Tag mit Elektro-Priestern voll saugen, mit zu erwürfelnden Widerstands- und Rettungswürfen sowie so genannten Moralwerten, sind diese beiden ganz normalen jungen Leute durchaus keine Tyrannen in Turnschuhen, nicht im allermindesten besorgniserregend, mit guten Noten und weichen Gesichtern, noch ganz ohne Oberlippenflaum. Emu will mal Kommunikationsdesigner werden und sieht null Zusammenhang zwischen den Falken-Granatmagazinen, Tunnelmörsern und Bohrmadenschleudern, um die er Tag und Nacht kreist, und dem Verteidigungsauftrag der Bundeswehr.

Ulrich Holbein

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