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Thomas Gerwin

Über akustische Ökologie und integrale Kunst
Zum Entwurf einer zeitgemäßen Musik

Je nach Idee und Intention entstehen so gleichwertig konzertante Werke, sprich: sich besonders im Parameter Zeit entwickelnde Strukturen, ebenso wie sich zeiträumlich entfaltende Klang-Skulpturen oder auch Klang-Räume (mehr raumzeitliche Gebilde). Meistens interessiert mich dabei die inhärente Musikalität und Ästhetik der Geräusche/Klänge und ihrer Verbindungen im Klang der Welt selbst (dies möchte ich sich frei ereignende Musik nennen), mit seinen nichtintentionalen, irregulären, großzyklischen, natürlichen Rhythmen, Klangbildungen und Formverläufen. Diese werden dann von mir "wahrgenommen" d.h., die Essenz, das Eigentliche wird durch Komposition und/oder (dies wiederum von Karlheinz Stockhausen geprägt) Dekomposition herausmoduliert, verdeutlicht, hörbar gemacht. In diesem Sinne muß (oder kann?) eigentlich nichts neu erfunden werden - alles ist doch bereits da, es muß nur gefunden werden. Die eigentliche Kunst besteht in der Wahrnehmung.

Das bedeutet für die Musik, integrieren durch offenlegen und dabei Respekt zeigen vor dem (konkreten oder artifiziellen) Klang, von dem ich wie Pierre Henry glaube, daß er wie ein Wesen ist, auf die Welt kommt, lebt und stirbt. Es gibt eigentlich keinen prinzipiellen Grund, sich auf konkrete Klänge in der Musik zu beschränken, zumal "rein" künstlich erzeugte Klänge in der Regel wesentlich durchlässiger (permeabel, wie dies Gottfried Michael Koenig nennt), deshalb leichter abstrakt komponierbar sind und nicht so eigenwillig, zeitweise störrisch wie konkrete. Nur sind die natürlichen musikalischen SUBJEKTE (nicht nur Objekte, wie Schäffer sie nennt), mit denen es umzugehen und auszukommen gilt, oft klanglich und persönlich einfach interessanter.

Einerseits "bedeuten" konkrete Klänge etwas, d.h. sie referieren auf reale Gegebenheiten und können deshalb Geschichten erzählen, andererseits können sie z.B. durch Wiederholung, Rhythmisierung oder auch andere, elektroakustische Manipulationen wie Filtern, Herumdrehen, Hüllkurvenveränderungen, etc. (aber auch bereits durch den "Hörwinkel"; in diesem Zusammenhang ist das Mikrophon für mich kein Ohr, sondern bereits ein Instrument) ihren konkreten Sinn völlig verlieren und reines Klangereignis werden. Besonders reizvoll aber ist natürlich immer der Zwischenbereich, die Ambivalenz zwischen Klang und Geräusch und - zwischen Bedeutung und "reinem" Klang.

So sind im Prinzip alle meine jüngsten Komposition Artefakt und ebenso (mehr oder weniger paradigmatisch) Dokument einer bestimmten Zeit, bestimmter Situationen und eines bestimmten Ortes. Sie wollen lustvolles Hören evozieren und gleichzeitig durch Sensibilisierung aufmerksam machen auf Belange der Welt, auch auf die akustische Umweltverschmutzung und damit auf die Art, wie wir mit der Welt und miteinander umgehen.

Diesen Ansatz einer Näherung an die Welt durch Integration möchte ich integrale Kunst nennen. Eine Kunst zudem, die ihren Platz im Leben der Menschen sucht - künstlerisch/künstliches Konstrukt und gleichzeitig Reflexion des alltäglichen Lebens, ästhetisches Vergnügen und Gegenentwurf zur eingefahrenen Wirklichkeit in einem.

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