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Thomas Gerwin gerwin9

Thomas Gerwin

Über akustische Ökologie und integrale Kunst
Zum Entwurf einer zeitgemäßen Musik

Wir wissen heute, daß "die zehntausend Dinge" kybernetisch zusammenhängen, daß alle Kräfte sich gegenseitig beeinflussen. Im auch kommunikationstechnisch vernetzten "Global Village" sind singuläre Lösungen prinzipiell nicht mehr möglich. Jede Aktion muß als Bewegung in einem vieldimensionalen Netzwerk verstanden werden, in dem eine Bewegung aus verschiedenen anderen resultiert bzw. diese in Gang setzt. Und so verstehe ich mich eben auch als Teil der Gemeinschaft und versuche, mit meinem künstlerischen Werk einen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben zu leisten.

Man braucht nicht die Kunst in das Leben zu entgrenzen, denn sie ist ja bereits integraler Bestandteil der Welt - auch dies zu erkennen, ist lediglich eine Frage der Wahrnehmung. Ich glaube, daß der Künstler immer schon nichts anderes tun konnte, als seine Sicht der Welt zu schildern und neue Ideen zur Veränderung der Wirklichkeit einzubringen. Der Künstler verändert die Welt, indem er sie reflektiert. Da nun heute die ökologische Problematik (die Notwendigkeit, Bala nce zu erzielen zwischen unterschiedlichsten, sich gegenseitig beeinflussenden Parametern) praktisch alle Lebensbereiche durchzieht, schwingt dies logischerweise auch in einer reflektierten Kunst mit. Und so wiederum hat Musik mit akustischer ÖÖkologie zu tun und denkt diese mit. Kunstschaffen also auch als lustvolles Wahrnehmen gesellschaftlicher Verantwortung.

Aber nicht nur aus gesellschafts- und umweltpolitischem Blickwinkel halte ich die Entwicklung einer integralen Kunst für folgerichtig, eine "UmweltKlangKomposition" kann auch aus historischer Sicht begründet werden.

Wir wissen, daß ein natürlicher "Ton" (physikalisch natürlich Klang, hier aber volkstümlich so genannt, um den Unterschied zum Geräusch zu betonen) aus einer Vielzahl von Teiltönen besteht. Diese bilden zunächst im unteren, leicht hörbaren Bereich eben die einfachen, ganzzahligen Proportionen zu dem Grundton, die in den Anfängen der Polyphonie als "Konkordanzen", etc. galten. Je höher hinauf wir allerdings in dem Obertonspektrum eines "Tones" vordringen, desto unregelmäßiger und enger folgen die Teiltöne aufeinander, bis man im obersten Bereich auf den Geräuschanteil stößt, diesen unwägbaren aber eminent wichtigen Teil eines "Tones", an dem man z.B. heraushören kann, ob man gerade einer Stradivari oder einer 0815-Geige lauscht. Nun könnte man die Geschichte der Musik auch unter dem Aspekt einer fortschreitenden Erforschung der Klänge betrachten, sowie damit einhergehend, einer zunehmenden Ausdifferenzierung unseres Gehörs. Und ziemlich logisch ist man unter diesem Blickwinkel mittlerweile dann bei einer "Geräuschmusik" angekommen, sprich: man komponiert heute gleichwertig mit "Tönen", Mehrklängen und Geräuschen und deren einfachen bzw. diffizilen, gar irregulären Obertonspektren sowie (analog dazu) mit ganz einfachen, metrischen, sehr komplexen oder gar absolut freien rhythmischen Strukturen.

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