| Ja, manchmal gibt es literarische Entdeckungen, auch nach Jahrzehnten noch, die staunen machen. Diese kurze Erzählung des russischen Schriftstellers L. Dobycin ist so eine – Dobycin, der heute als Erneuerer der russischen Prosa gefeiert wird, hat Mitte der zwanziger Jahre einen Text über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges geschrieben, der in seiner Erzählkraft, in seinem lakonischen, knappen Stil das Thema völlig anders beleuchtet, als vielfach schon versucht.
Dobycins Text spielt im Baltikum – wo sich die ganze Problematik, die zum Krieg hin führt, selbst im Kleinsten, im kleinstädtischen Umgang der Menschen miteinander, zeigt: der heraufziehende Nationalismus zwischen den Bevölkerungsgruppen, die konfessionellen Spannungen, ein Krieg, der von allen erwartet, gefürchtet wird, und von dem alle wissen, dass er alles ändern wird, was bisher in Bahnen verlief. Erläuternde Anmerkungen und ein kommentierendes Nachwort erlauben, den Text an Fakten fest zu machen, zugleich eine literaturgeschichtliche Einordnung. Ein Kleinod russischer Erzählkunst, wunderbar übersetzt von Peter Urban.
L. Dobycin: Evdokija, 32 S., brosch., Friedenauer Presse, Berlin 2008, 9,50 Euro.
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