| Gedichte wie Bilder, die den Leser hineinziehen mit ihrem magischen Sprachfluss, Teil des Bildes werden lassen. Der Leser gibt schnell allen Widerstand auf und lässt sich einfach, nein, nicht mittreiben, sondern mitreißen von der Wortmacht dieser Dichterin; schon in der deutschen Übersetzung machen die Wortfolgen zittern, wie erst mag es in der rumänischen Ausgangssprache sein? Zweifellos für diese Ausgabe ein Verdienst der Übersetzerin Eva Ruth Wemme.
Welche Ausdruckskraft: „... noch verhedderte die Sonne mit ihren paar Zähnen/ die Vorhänge ...“, diese Dichterin findet außergewöhnliche, und doch scheinbar lange gekannte Bilder für ihre inneren Zustände, die sie für uns nach außen bringt, „noch hatte der Morgen weiche Hände ...“ – das sind Ur-Zustände, die mit Worten fassbar gemacht werden.
Ioana Nicolaie holt das Tägliche herein in ihre Gedichte, ohne dass es täglich wirkt. Sie verwendet Alltagssprache, ohne dass das Gedicht in Profanität kippt, im Gegenteil: die Ästhetik dieser Sprache kehrt den Alltag um und verwandelt ihn in Synonyme für höhere Welten, in die wir beim Lesen der Gedichte hineinzureichen versuchen.
Es ist dies nicht zuletzt ein Erinnerungsbuch an Mutter und Vater. Realistisch anmutend, in vielem, und doch hinter dieser Fassade der brüchigen Osthäuser eine liebevoll gepflegte Behausung der sorgsam aufgeschichteten Erinnerung, an frühere Zeiten, die zugleich das Jetzt illustrieren, dass Werden, das Kommen und, vielleicht ferne, Gehen.
„... wenn Poesie nur Entwirren ist,/ verlier dich nicht in ihrem Abgrund“, warnt Ioana Nicolaie. Ihre Dichtung hat Abgründe, und in diesen sich zu verlieren ist der Reiz des Lesens ihrer Gedichte. Aber Poesie ist eben nicht nur Entwirren, sondern vor allem, und vor allem bei ihren Gedichten: Entdecken. Das sollte Vorrang haben, und bei den Gedichten von Ioana Nicolaie verheißt es Fundstücke, welche bleiben.
Ioana Nicolaie: Der Norden, Gedichte, brosch., 122 S., Pop-Verlag, Ludwigsburg 2008, 16.30 Euro
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