| ein ausnahmebuch. der autor erklärt uns das lesen. aber er erklärt uns dies nicht linear, sowenig wie das leben selbst ein linearer prozess ist, sondern anhand seiner lektürevorlieben, anhand von großenden lesenden der literaturgeschichte, anhand von verschlungenen wegen, die ihn und damit uns durch das dickicht des lesens, des leseverhaltens, führen. das kunstwerk als verkleinertes modell (levi-strauss). und lesen als arbeiten an diesem modell, also letztlich an der welt.
lesen als das finden von modellwelten, in denen die uns umgebende welt wiedergefunden wird, manchmal wie von fern, manchmal direkt, mitten hinein gestellt. kunst, schreiben, als verkleinerung des maßstabs, als mikrokosmos, der „die besonderheit der welt wiedergibt“.
„der autor gibt uns definitionen: 1. die lektüre ist eine kunst der mikroskopie, der perspektive und des raums. 2. die lektüre ist eine angelegenheit der optik, des lichts, ein gebiet der physik.
wie joyce: „multiple welten auf der minimalen landkarte der sprache sehen“, literatur als laboratorium, dessen einheit des sinns illusion ist. mit borges die lehre ziehen, „die gewissheit, dass die fiktion nicht nur von dem abhängt, der sie macht, sondern auch von dem, der sie liest … nicht alles ist fiktion, aber alles kann als fiktion gelesen werden“. der buchstabe hat etwas magisches, als könnte er eine welt heraufbeschwören oder vernichten.
der autor zieht kafka als zeuge heran. sein briefwechsel mit felice als „eines der großen ereignisse der literaturgeschichte … dieser briefwechsel ist ein außerordentliches dokument der leidenschaft für die lektüre des anderen, des vertrauens in die wirkung, die die lektüre beim anderen hervorruft, ein dokument der verführung durch den buchstaben“. literatur und verführung, dies als eine der konkretesten zielrichtungen der lektüre. literatur als zweck, als sinnerfüllung, liebende begegnen sich nur noch in den texten, die sie lesen. die schrift als chiffre des lebens, die erfahrung verdichtet und sie erst möglich macht. man erzähle nicht, um sich zu erinnern, sondern um etwas verborgenes zu zeigen. neue zusammenhänge sehen, das ist lesen. sich eine alternative topographe erstellen.
der autor untersucht den kriminalroman und dessen lektüre – „als rückzugsort und konstruktionsmodus der auf sich gestellten subjektivität und des aufmerksamen, geschulten blicks“, und: „er liest wie mit dem mikroskop die spannung, die in den winkeln der gesellschaft zirkuliert“.
schließlich joyce. die figur eines lesers, der liest, um zu glauben. das nachspielen von gelesenem, wie durch don quijote, oder madame bovary, hamlet, die imaginäre figuren werden und die wirkungen von lektüre durch ihre person wiedergeben. bei joyce: wird die lektüre fragmentiert, „der leser gelangt nicht von der fiktion zum leben, sondern vom leben zur fiktion“. vermischung von lektüre und leben. dieses buch: eine fundgrube für intellektuelle anregung, das buch selbst ein lektüreerlebnis, ohne dass man am schluss noch sagen kann, konkret, worin dieses begründet ist; und genau das macht dieses buch zum dauernden abenteuer.
ricardo piglia: der letzte leser. essay. brosch., 208 s., klever verlag, wien 2010, 19,90 euro.
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