| Es gibt Bücher, die trägt man wochenlang mit sich herum, und in späteren Lebenszeiten erinnert man sich an sie durch dieses Buch; manchmal, selten, trage ich ein Buch bei mir und wage kaum, weiter zu lesen – weil ich Angst habe, von dem bereits Gelesenen zu vergessen; – Fundstücke sind sie, solche Bücher, wie Goldstücke im Fluss, von dem man vermutet, dass er solche birgt, und dieses ist eines davon: „TamieHeimat“ von André Weckmann. Vielschichtig, diese Suche nach, dieser Versuch des Findens von Heimaten, sprachlich wie dieser Fluss mit den Goldstücken, mal wild tobend, mal hüpft er sanft vor sich hin; es bietet Erkenntnisgewinn, dieses Buch, und doch bedeutet dieser Versuch einer Auflistung der positiven Seiten für den Leser nicht viel mehr als Allgemeinplätze: dieses Buch greift ganz, ganz tief hinein in sein Innerstes, es rührt an, und – und das macht die Verwirrung beim Lesen erst einmal aus - es verstört ihn ob der Kombination von Selbstverständlichkeiten, ob der sprachlichen Blicke auf gesellschaftliche Eigentümlichkeiten, die in dem Fluidum des Selbstverständlichen so irritierend wirken. Dieses Buch stellt – aus der Sicht des Autors – individuelle Zusammenhänge her, es platziert Randfiguren im Zentrum, weil dieser Autor den Blick für`s Randständige hat und den Mut hat, ihn aufzunehmen; und dieses Buch lässt den Leser auch immer wieder Furcht haben, Furcht davor, dass es da einen Autor gibt, der Worte findet für das, was ich, i c h, empfinde.
Nur drei Sätze aus diesem Kompendium an Einsichten, an Erkenntnissen aus der Geschichte heraus für uns heute: „Wer die Natur achtet, der achtet auch den Menschen“ (S. 169) – anknüpfend an das Symbol des geschützten Paradieses, ein Refugium der ungestörten Natur bei dem Heimatort der Hauptfigur, oder: „Wisse denn, dass ich auch in religiösen Dingen ein Mischling bin!“ (S. 175), und: „Hat`s uns wirklich gegeben?“ (S. 151), wie der alte Schang nach einem Leben voller Erlebnisse fragt. Diese drei Sätze charakterisieren letztlich den Autor selbst: Sein Wirken zum Schutz der Natur aus einem menschlichen Grundbedürfnis heraus, sein Achten anderer Meinungen, Haltungen, Überzeugungen, und sein ständiges Hinterfragen seiner Selbst. Dies ist vielleicht das persönlichste Buch André Weckmanns, ein Buch wie ein Baum, mit der Wurzel in der Regionalität, dem elsässischen Suchen nach Identität, dessen Krone aber hinaufreicht und Licht und Dunkel der Welt hereinholt. Das alles nicht theoretisch oder pädagogisch, sondern aus der Anschauung heraus, in Geschichten. Ein Buch, das ans Herz greift, das einen nicht so schnell wieder los lässt. Langsam, langsam lesen. Und immer wieder.
André Weckmann: TamieHeimat. Roman. Geb., 222 S., Gollenstein Verlag, Blieskastel 2003.
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