| Mit dem Titel “Hirn“ übrigens bezieht sich Daniel Richter, der auch sonst gerne seine Einzelausstellungen betitelt, indem er sich beziehungsreich aus der Literatur bedient, auf einen Essayband von Reinhold Goetz. Alexander Tolnay entdeckt in der collagierenden Arbeitsweise von Goetz und Richter interessante Verbindungen – über die Verschiedenheit der Werkzeuge hinweg.
Kunstkataloge kauft man – nun, wohl meist der Bilder wegen. Kann sein, daß man in der Ausstellung war, gerne ein Original kaufen würde, aber sich das nicht leisten kann oder will. Manchmal kauft man, jedenfalls ich, einen Kunstkatalog, auch aus einem bestimmten allgemeinen Interesse heraus, zu welchem der Kataloginhalt neue Erkenntnisse verspricht. So ging es mir in diesem Fall: ich hatte über Daniel Richter gelesen und kannte Bilder seiner Arbeit, die mir hochinteressant erschienen waren.
Nun beschäftige ich mich ja in den KünstlerInnenporträts immer wieder mit dem Spannungsverhältnis zwischen Gegenständlichkeit und Ungegenständlichkeit, wobei es ja sicher fast immer so ist, daß sehr viele Künstler vom Gegenständlichen her kommen, sich weiterentwickeln in Richtung des Abstrakten. Oft sind es Prozesse der Reduktion, des Weglassens also von Elementen, die der jeweilige Künstler offenbar nicht (mehr) braucht, ohne die er eine klarere und konzentriertere Sprache findet. Den Begriff "Entwicklung" verwende ich hier wertfrei als zeitlichen Prozeß; eine pauschale Abwertung gegenständlicher Kunst liegt mir gänzlich fern.
Daniel Richter nun scheint den umgekehrten Weg zu gehen: aus den abstrakten Farbräumen heraus entwickelt er figürliche Elemente, die auch ganz konkreten gegenständlichen Charakter haben können. Er scheint hier ähnlich zu arbeiten wie ein Bildhauer, wenn selbiger davon ausgeht, daß die Figur im Stein oder im Holz bereits vorhanden ist und lediglich befreit werden will. So natürlich jedenfalls erscheinen Richters Figuren aus dem Malgrund heraus zu entstehen. Wenn Emil Wachter sagt: "Ein gutes gegenständliches Bild hat alle Qualitäten des Abstrakten", so scheint Richter hier noch weiter zu gehen: das Figurative wird sichtbar, bleibt aber Bestandteil des Ungegenständlichen, bleibt in den Farbraum integriert.
Ähnlich, wie ich selbst dazu neige, Emil Wachters Stillleben, die mir als seine besten Bilder erscheinen, als "fast schon ungegenständlich" zu sehen, so werde ich, nachdem ich mich nun in Daniel Richters Kunstbuch "Hirn" vertieft habe, wohl zukünftig auch ungegenständliche Bilder auf neue Weise sehen und darin mehr entdecken als bisher. Paul Klee hatte schon recht: „Kunst macht sichtbar. Der Katalog selbst, erschienen bei Hatje-Cantz, hat die von dort gewohnte sehr hohe Qualität. Das Vorwort von Alexander Tolnay und der Text von Britta Schmitz sind erfreulich knapp und klar und geben eine kompetente Einführung. Insgesamt ein, das Lust macht, zu sehen.
Und dazu, glaube ich, sind Kunstbücher eigentlich da.
Daniel Richter - Hirn, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern/Ruit Hrsg. Alexander Tolnay, Neuer Berliner Kunstverein, Text von Britta Schmitz ISBN 3-7757-1349-2; 29,80 €
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Auf der Website des Verlages kann man in dem Buch blättern (einfach "Daniel Richter" in Suchmaske eingeben).
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