| In Zusammenarbeit mit der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bietet die Staatliche Kunsthalle in loser Folge Kombi-Führungen unter dem Titel „Meisterschüler sehen Meisterwerke“ an. In dieser Reihe ist am 17. Juli 2007 um 20 Uhr die Künstlerin Veronika Rettich zu Gast in der Kunsthalle und wird gemeinsam mir Dr. Kirsten Voigt ausgewählte Werke – wie Joseph Chinards Porträt der Juliette Récamier – der aktuellen Ausstellung „elegant // expressiv. Von Houdon bis Rodin. Französische Plastik des 19. Jahrhunderts“ betrachten. Anschließend präsentiert die 1977 in München geborene Künstlerin ein eigenes Werk und wird dazu Erläuterungen abgeben.
Veronika Rettich: Krater (Center for Grief), 2006 Big (108 K) auf Klick Veronika Rettich besuchte von 1997 bis 2000 die Berufsfachschule für Schnitzerei in Berchtesgaden, anschließend studierte sie an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Professor Harald Klingelhöller, wo sie ihr Studium 2006 als dessen Meisterschülerin beendete.
In ihren formal und materiell vielfältigen Arbeiten beschäftigt sich Veronika Rettich immer wieder mit Fragen der Dimension als Ergebnis von Perspektivwechseln und veränderlichen Relationen, mit umschlagenden Wahrnehmungsereignissen, die sich in emotionale Erlebnisse verwandeln können. Grundlegend erscheint der Künstlerin hierbei die Erfahrung, dass eine nicht nur optische, sondern mentale Fokussierung aufs Detail eine scheinbare Vergrößerung des umgebenden Bezugsfeldes hervorruft. Zu ihren Arbeiten der letzten Jahre zählt zum Beispiel der mit dem „GVS-Förderpreis Junge Künstler“, Stuttgart, ausgezeichnete „Krater (Center for Grief)“, ein modellhafter, mit halbtransparenter Spiegelfolie verkleideter Dreiecksraum, der auf einem Tisch aufsitzt, und dessen Boden sich – unterhalb der Tischplatte – in einem schwarzen Wachs-Krater öffnet. Dieser Pavillon ist lediglich optisch, also imaginär „begehbar“, bietet kaum Bewegungsspielraum, sondern vergegenständlicht einen Abgrund, der auch zeichenhaft für die Möglichkeit des Absturzes in den Schmerz, dessen absorbierende Ausdehnung steht.
Andere Arbeiten der Künstlerin beziehen sich mitunter auf Naturphänomene: 2004 realisierte sie das während der Sommerausstellung der Akademie ausgestellte Werk „Um den Himmel zu vergrößern“, in dem sie sich Grashalme riesenhaft auswachsen ließ. In ihrem Beitrag zum 2006 eröffneten Skulpturenradweg in Osterburken markierte sie mit vier großen Aluminium-Klammern, Satzzeichen, die den Horizont in den Blick rücken, einen „Standpunkt (zur Betrachtung der Welt)“. Eine Bodenarbeit aus dem Jahre 2006 mit dem Titel „Aber wer würde über das Meer lachen“ besteht aus konzentrisch ineinander gelegten, trichterförmig nach innen in der Höhe abfallenden Aluminiumringen – eine Konstellation, die vom Vorbild konzentrischer Wasserkreise beim Auftreffen von Tropfen inspiriert ist.
Die Veranstaltung lässt Vorstellungen der Funktion von Plastik einst und heute aufeinandertreffen und eröffnet damit den Blick auf historische Entwicklungen: Weg vom Bild des Menschen, hin zu Reflexionen über Bedingungen menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnis.
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