| Malte Spohr (geb. 1958, lebt in Berlin) gehört zu den bedeutenden Vertretern der zeitgenössischen Zeichnung. Mit den klassischen Materialien von Bleistift, Farbstift und schwerem Büttenpapier in Verbindung mit modernen Techniken der digitalen Bildbearbeitung verfolgt er ein eigenständiges und höchst subtiles Werk, dessen Entstehung zwischen Zufall und rigorosem Konzept angesiedelt ist. Am Computer reduziert der Künstler digitale Aufnahmen von scheinbar belanglosen, unspektakulären Natureindrücken auf ihre Helligkeitswerte und Kontraste, bis sie ihren Abbildcharakter verlieren. Daraus werden Vorlagen für die anschließende Zeichnung, in der Spohr mit dem Lineal eine Linie nach der anderen horizontal über das Papier zieht. Durch unterschiedliche Unterbrechungen im Liniengefüge entstehen fragile Gebilde von flimmernder Wirkung, die an makroskopische und mikroskopische Ansichten erinnern, geheimnisvolle Strukturen voll inneren Lebens.
In dichter Reihung verliert die Einzellinie ihre Bedeutung zugunsten eines flächigen Zusammenschlusses, der durch die unterlassenen Linienzüge aufgebrochen und mehr oder weniger fragmentarisch stehen gelassen wird. In ihrem ruhigen Verlauf verschmelzen die waagerechten Linien zu optischen Gittern, die gleichzeitig etwas offen zu legen und etwas zu verbergen scheinen, denn ihre Gestaltungskraft erhalten sie – und das ist in gewisser Weise paradox – neben ihrer ausnahmslos horizontalen Richtung vornehmlich durch ihre Unterbrechungen, ihre Fraktur, das heißt durch ihre Abwesenheit, ihr Nicht-Sein. Dieser Fraktur-Charakter verleiht den Formen ihre Brüchigkeit, ihre Fragilität, die optisch überleitet in eine Veränderlichkeit und Beweglichkeit der Formen. Aufleuchtender Papiergrund und changierende Farbüberlappungen scheinen sich fortwährend verschieben zu können und einem unablässigen Wandlungsprozess zu unterliegen. Die Tatsache, dass sich keine Linie zu einer Form zusammenschließt und die feinen Parallelen über die Ränder der Blattfläche gezogen werden, verwehrt dem nach Festigkeit suchenden Auge jeden Halt; die Linien scheinen gleichsam wie in die Luft geschrieben zu sein – sie schweben.
Zur Eröffnung der Ausstellung am 18. Januar wird das Ensemble Experimente, Berlin, unter der Leitung von Gerhard Scherer die Komposition „Lines for Malte Spohr“ (2006) von Sidney Corbett für ein Kammerensemble zur Aufführung bringen. Sidney Corbett (geb. 1960) lehrt als Professor für Komposition an der Mannheimer Hochschule für Musik und darstellende Kunst. Künstler und Komponist werden anwesend sein.
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