| Der 1912 im Burgenland geborene Verkäufer und Dekorateur war zunächst in Wien, dann aber auch in Griechenland, Frankreich und der Slowakei für die Deportation der jüdischen Bevölkerung verantwortlich. Über 120.000 Menschen schickte Brunner direkt in die Vernichtungslager, wobei er sich – anders als viele Schreibtischtäter – oft persönlich an den Jagdkommandos beteiligte. Der skrupellose Fanatiker ließ noch im Sommer 1944, als die Alliierten bereits in der Normandie gelandet waren, jüdische Kinder verhaften und nach Auschwitz bringen.
Bis 1954 lebte Alois Brunner in München und Essen unbehelligt unter falschem Namen. Als seine wahre Identität aufgedeckt zu werden drohte, verhalfen ihm prominente Gesinnungsgenossen wie der spätere BND-Chef Reinhard Gehlen in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Geheimdienst zur Flucht nach Syrien. Hier arbeitete Brunner kurze Zeit für die Dortmunder Aktienbrauerei, anschließend stand er als Berater für Judenfragen auf der Gehaltsliste und unter dem Schutz der Assad-Regierung, die seinen Aufenthalt in Syrien konsequent leugnete. Bei zwei Attentatsversuchen, die vermutlich vom Mossad inszeniert wurden, verlor Brunner ein Auge und vier Finger. Als ihn ein Reporter der Zeitschrift „Bunte“ Mitte der 80er Jahre in Damaskus aufspürte, war er noch immer stolz darauf, dabei geholfen zu haben „dieses Dreckszeug wegzuschaffen.“ Ob Alois Brunner heute noch lebt, weiß niemand mit Sicherheit zu sagen.
Für Alex Nowitz und Ralph Hammerthaler ist der Umstand, dass Brunner für seine Verbrechen nie zur Rechenschaft gezogen wurde, das eigentliche Skandalon dieses Falles. Ihre theatralische Aufarbeitung gibt sich folgerichtig nicht mit Nacherzählung und Illustration zufrieden. Sie wollen eine Groteske auf die Bühne bringen, die das Grauen und seine bizarren Begleiterscheinungen durch Verfremdungseffekte noch deutlicher hervortreten lässt.
Nowitz gelingt diese Gradwanderung über weite Strecken in beeindruckender Weise. Hintersinnig verknüpft er volksliedhafte Elemente und unseligste Operettentraditionen mit schärfsten Dissonanzen und experimentellen Klangeffekten. Hinter jeder Harmonie lauert der Abgrund, und so treibt die expressive Tonsprache das Publikum auf eine Tour de Force der widersprüchlichsten Gefühle und Vorstellungen. Die Vokalpartien sind mit einer hohen Tenorstimme für den untypischen Titelhelden, dem nachhallendem Bariton seines Verfolgers Jaccuse oder dem Countertenor für den syrischen Machthaber al-Sydaad klug besetzt, und die variablen, alle denkbaren Artikulationsformen durchlaufenden Chorsätze (Einstudierung: Peter Sommerer) gehören vielleicht zu den einfallsreichsten Momenten der zeitgenössischen Oper insgesamt. Die Partitur rettet die „Bestmannoper“ also vor dem, was von postmoderner Beliebigkeit auf der einen und politisch korrekter Betroffenheitsroutine auf der anderen Seite zu befürchten gewesen wäre.
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