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Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

Frank T. Zumbach: Das Balladenbuch

Was klingt daher für Tosen? Welch lärmend Festgelag?
Des Vaters Gut verprasset der wilde Student von Prag.
Er sitzt und singet Lieder, davor dem Menschen graust,
die Dirne auf dem Schoße, den Becher in der Faust.

Wenn sich Goethe und Schiller, Brentano und Droste-Hülshoff, Heine, Storm und Keller nicht für lyrische Texte begeistert hätten, dann würden uns auch diese Eingangsverse aus Karl Leberecht Immermanns „Der Student von Prag“ darüber belehren können, dass Herausgeber Frank T. Zumbach in seinem Vorwort mindestens eine Behauptung mit Fug und Recht aufstellt: „Die Ballade spricht eher das Gefühl an als den Verstand.“
Vermutlich erfreut sie sich deshalb seit Jahrhunderten so außerordentlicher Beliebtheit, denn Balladen sind spannend, bunt, abenteuerlustig, phantasievoll und durchaus in der Lage, dem inneren Schweinehund ausreichend Futter zu liefern. Unter diesem Aspekt ist es besonders erfreulich, dass Zumbach in seinem Kompendium nicht nur Klassiker wie den „Erlkönig“, die „Kraniche des Ibykus“, „Das Lied von der Glocke“ oder den „Knaben im Moor“, sondern auch unbekanntere Balladen zusammengestellt hat. Die kommen – ganz wie die berühmten - mal als wüste Erzählkaskaden und mal als kleine gereimte Boshaftigkeit daher. So kann man Cora Frosts „Ballade der homosexuellen, kleinwüchsigen Krankenschwester Paula Maus, die ein gar schreckliches Ende nahm“ und Gottlieb Konrad Pfeffels „Die Wahl“ fast nebeneinander legen und lesen.
Warum sich das jederzeit lohnt, mag kurz an Pfeffel (1736-1809) demonstriert werden:

Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion SWO

Die Wahl
Graf Hunerich, ein deutscher Mann,
Hielt sich und seinem Weib,
Frau Hedwich, einen Schloßkaplan
Zum frommen Zeitvertreib.

Der Mönch vergaß, beim leckern Tisch
Des Grafen sein Brevier;
Aß auch am Freitag selten Fisch.
Trank lieber Wein als Bier.

Einst weckt ihn was um Mitternacht;
Da stand mit stillem Grimm,
Gehörnt, in schwefelgelber Tracht,
Fürst Luzifer vor ihm.

Wähl, sprach er, unter dreien eins:
Ermorde Hunerich,
Entehr´ ein Weib, sauf dich voll Weins,
Sonst hohl´ ich morgen dich.

Er wählt die Flasche, treibt berauscht
Mit Hedwich frevle Lust,
Und stößt dem Mann, der sie belauscht,
Ein Messer in die Brust.

Auf über 800 Seiten kommen also auch die Zyniker auf ihre Kosten – vor allem aber die Freunde der Balladen, deren Geschichte und Gegenwart an mehr als 750 Beispielen ausführlichst dargestellt wird!

Frank T. Zumbach: Das Balladenbuch, Artemis & Winkler, 44,90 €

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