| Große Jubiläen mögen reichlich unangenehme Begleiterscheinungen mit sich bringen und den genaueren Kenner der Materie durch oberflächliche Schlagzeilen und Gemeinplätze verschrecken. Andererseits bieten sie eine gute Gelegenheit, das kulturelle Erbe von eben diesen Schlagzeilen und Gemeinplätzen zu befreien, indem scheinbar Bekanntes neu gesehen, gelesen und gehört, aus anderen Blickwinkeln betrachtet und in bis dahin unbekannten Zusammenhängen erlebt wird.
Das Phänomen Hans Christian Andersen (1805-1875), dessen Geburtstag sich am 2. April zum 200. Mal jährt, scheint für diese Herangehensweise besonders gut geeignet zu sein. Selbst seine bekanntesten Märchen entziehen sich den vorproduzierten Empfindungsschablonen unseres handzahm dressierten Kulturlebens, und die Person ihres Autors gibt bis heute vielgestaltige Rätsel auf. Kein Wunder also, dass der 200. Geburtstag von zahlreichen Publikationen begleitet wird. Einige von ihnen versuchen, den letzten Geheimnissen ein Stück näher zu kommen, und verzichten trotzdem darauf, selbstgerechte Interpretationsansätze unter das mehr oder weniger geneigte Publikum zu bringen. Zwei der schönsten Bücher sind im Insel Verlag erschienen, dessen ambitionierte Programmgestaltung mit fortschreitender Postpostmoderne immer vorbildhafter zu werden scheint. „Des Kaisers neue Kleider und andere Märchen“ versammelt einige der populärsten Andersen-Texte mit ebenso unprätentiösen wie phantasievollen und oft ironischen Bildern von Rotraut Susanne Berger zu einer liebevoll arrangierten Ausgabe für Einsteiger und Liebhaber. Neben den titelgebenden neuen Kaiserkleidern enthält der Band die Märchen „Das Feuerzeug“, „Der standhafte Zinnsoldat“, „Der fliegende Koffer“, „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“, „Der Schatten“, „Der Gärtner und die Herrschaft“, „Der Floh und der Professor“ sowie „Der Halskragen“.
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