| Der 200. Todestag unseres Olympiers ist schon wieder Geschichte, und so müssten seine Werke, die sich – zumeist nur kurzfristig und oberflächlich, aber doch immerhin sichtbar – im Licht einer breiteren Öffentlichkeit zeigen durften, wieder den undankbaren Gang in die Kellerräume des kollektiven Gedächtnis antreten. Schließlich warten neue Jubiläumskandidaten, und der literarische Durchschnittsbürger im Land der Dichter und Denker wird seine distanzierte Haltung zu Schillers Balladen ebenso wenig aufgeben wie die Schüler ihre mit Hilfe entschlossenen Durchblätterns gefestigte Meinung, der „Wallenstein“ sei entschieden zu lang.
Immerhin bietet sich die bei dtv erschienenen „Sämtlichen Werke“ auch nach dem wiederholten Ableben des Gefeierten als Silberstreif am Horizont an. Die auf der Textedition von Herbert G. Göpfert basierende Ausgabe verzeichnet als Herausgeber Peter-André Alt, Albert Meier und Wolfgang Riedel, denen zusammen eine editorische Meisterleistung gelungen ist, die kaum überschätzt werden kann. Schillers Gedichte, Dramen, Fragmente, Übersetzungen, Bearbeitungen, historische und theoretische Schriften sind auf knapp 6.000 Seiten nicht nur versammelt, sondern zu einem schlüssigen und überzeugenden Selbstporträt eines Jahrhundertdichters zusammengefügt worden. Die konzisen Erläuterungen und Kommentare dürften auch unerfahrenen Schiller-Lesern den Zugang erleichtern und die eine oder andere, zumindest aus heutiger Sicht schwer entschlüsselbare Textstelle schnell verständlich machen. Wer den „Göttern Griechenlands“ beispielsweise schon am Ende der 1. Strophe die Gefolgschaft aufkündigen will, weil er mit „Venus Amathusia“ nicht näher bekannt ist, erfährt hier kurz und knapp: „Beiname der Aphrodite nach ihrem Heiligtum zu Amathunt auf Zypern.“ Diese zu allem Überfluss auch noch kostengünstige Ausgabe beseitigt restlos alle Hindernisse, die den Leser daran hindern könnten, Schiller als höchst originellen, geistreichen, anregenden und mitreißenden Zeitgenossen zu erleben. Auch ohne jeden Anlass – insbesondere für Studenten und den sprichwörtlichen Hausgebrauch – unbedingt empfehlenswert!
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke in fünf Bänden, dtv, 49,90 €
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