| Als Rabindranath Tagore 1913 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, geschah genau das, was heute mit bis dahin weitgehend unbekannten Autoren passiert, wenn sie plötzlich erfreuliche Nachrichten aus Stockholm bekommen. Doch im Fall des bengalischen Nationaldichters hielt die Begeisterung länger an als in der an schnelle Namens- und Schauplatzwechsel gewöhnten Postmoderne. Der freiheitsliebende Tagore wurde bis zu seinem Tod 1941 und darüber hinaus zur poetisch-exotischen Kultfigur, zum politischen Vorbild und zur religiösen Instanz. Vielleicht war es wirklich nur der im klugen Nachwort von Übersetzer Martin Kämpchen genannte Thomas Mann, der sich von Tagores Ruhm nicht blenden ließ und dieser auch allein aus dem schnöden Grund, weil er nichts und niemanden neben sich dulden konnte und obendrein beleidigt war, dass ihn der indische Gast bei einem gemeinsamen Empfang in München nicht erkannte:
"Ich wurde vorgestellt, sagte: It was so beautiful und schob K(atya) vor ´my wife, who speaks English better than I.´ Er hat meine Identität wohl nicht aufgefasst.“ Thomas Mann: Tagebuch, 8. Juni 1921
Der Fauxpas des großen Goethe-Verehrers Tagore, der die leibhaftige Reinkarnation des Dichterfürsten schlichtweg ignorierte, mag durch das schillernde Gesamtwerk wieder gutgemacht werden, das soeben in hochwertiger Aufmachung in der Blauen Reihe von Winklers Weltliteratur erschienen ist. Der Band enthält Rabindranath Tagores Gedichte, Prosawerke, die Theaterstücke „Das Postamt“ und „Das Kartenland“, überdies religiöse und ästhetische Essays sowie – erstmals in deutscher Sprache – die faszinierenden Gespräche mit Albert Einstein über die Natur der Wirklichkeit, Freiheit und Determination und den freien Willen. Der Anhang erleichtert mit seinen umfangreichen Kommentierungen das Verständnis zahlreicher Textstellen, die dem in bengalischer Kultur unbewanderten Leser ansonsten Kopfzerbrechen bereiten würden. In dieser Darbietung gewinnt Tagores Vermächtnis sein volles Gewicht.
„Befreit die Gefangnen in Herz und Kopf. Durch das Trockenbett soll schießen Das machtvolle Glück der Lebensflut, singt dem Sieg der Freiheit euren Tribut.“ (Rabindranath Tagore: Schlussgesang „Das Kartenland“)
Rabindranath Tagore: Das goldene Boot, Artemis & Winkler, 24,90 €
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