| Seit Wolfram von Eschenbach, jener Dichter, über den die Nachwelt so gut wie gar nichts weiß, die 25.000 Verse seines „Parzival“ niederschrieb, sind acht Jahrhunderte ins Land gezogen. Das gewaltige Epos, das zu den bedeutendsten kulturellen Schöpfungen des vermeintlich finsteren Mittelalters gehört, hat in dieser Zeit zahllose Deutungen, Adaptionen und Neudichtungen erfahren, die selbst von ausgewiesenen Experten kaum noch überblickt werden können.
Unter diesen Umständen bedeutet die zweibändige Ausgabe, die nun im Taschenbuchformat im Deutschen Klassiker Verlag erschienen ist, eine durchaus sinnvolle Reduktion auf das Wesentliche. Das ist in diesem Fall Wolframs Text, der in einer Überarbeitung der noch immer maßgeblichen Ausgabe von Karl Lachmann (6. Auflage aus dem Jahr 1926) vorgestellt wird. Dieter Kühns Neuübersetzung hat das Hauptproblem – „die knappere Sprache des Hochmittelalters in unsere Sprache zu übertragen“ – meisterhaft und wohl gleich für mehrere Generationen gelöst.
Dass den kongenialen Nachdichter zuweilen das Gefühl beschlich, ihm sei eine Schraubzwinge ins Hirn gesetzt worden, woraufhin aus seiner früheren Fontanelle ein dünnes Rauchwölkchen aufstieg, mag angesichts der Souveränität dieses Modernisierungsversuchs kaum glaubhaft erscheinen. Doch wer sich vor Augen führt, wie im Prinzip über jeden Satz(teil), Zehntausende von Wortbedeutungen und vor allem über den Umstand gestritten werden kann, dass Kühn Wolframs „Zwangssystem des Endreims“ bewusst durchbrochen hat, weiß seinen humorigen Arbeitsbericht richtig einzuschätzen.
Der gründliche Stellenkommentar dieses mehr als 1.800 Seiten umfassenden Doppel-Bandes liefert nicht nur wertvolle und unverzichtbare Verständnishilfen. Er bietet auch neue Interpretationsansätze, die Fehleinschätzungen revidieren, alte Forschungskontroversen überwinden und mit dazu beitragen, die scheinbar unversöhnliche Teilung der Welt in Artushof und Gralsgemeinschaft zu überwinden.
Wolfram von Eschenbach: Parzival, 2 Bände, Deutscher Klassiker Verlag, 25 €
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