| Georg Büchner gilt vielen Literaturfreunden als der modernste deutsche Dichter des 19. Jahrhunderts und den politisch ambitionierten in aller Regel auch als der bedeutendste. Der schmale Umfang seines Werks steht dabei in eigenartigem Gegensatz zu der gewaltigen, nahezu unüberschaubaren Rezeptionsgeschichte, die selbstredend noch längst nicht beendet ist.
Henri Poschmann hat mit seiner phänomenalen Neuedition der Dichtungen, Schriften, Briefe und Dokumente nun einen beachtlichen Zwischenstand ermittelt, der darauf hinausläuft, dass der Abdruck von Büchners Dramen und der Novelle „Lenz“ 400 Seiten beansprucht, während sich ihre Kommentierung, die Beschreibung von Textgrundlage und –gestaltung, die Darstellung der Quellen und des historischen Hintergrundes oder der ausführliche Stellenkommentar auf rund 600 Seiten ausbreitet. Im Fall der Schriften, Briefe und Dokumente bahnt sich ein ähnliches Verhältnis an, und so gehört es mittlerweile zu den wichtigsten Aufgaben von Schülern, Studenten und Wissenschaftlern, den radikalen ästhetischen Erneuerer und politischen Revolutionär von der kanonisierten Lichtgestalt des Mythos Büchner zu trennen. Poschmanns Ausgabe bietet dazu freilich jede denkbare Gelegenheit. Der Herausgeber hat nicht nur für den jahrzehntelang umstrittenen Woyzeck-Text noch einmal neue Vorschläge erarbeitet und eine kombinierte Werkfassung vorgelegt, sondern sich auch in allen anderen Fällen zu dem Prinzip bekannt, ein „Minimum notwendiger editorischer Operationen“ mit „möglichst uneingeschränkter Lesbarkeit und dramaturgischer Funktionsfähigkeit“ zu verbinden. Die neue Gesamtausgabe, die wohl für sehr lange Zeit maßstabsetzend bleiben wird, macht es übrigens auch möglich, das gängige Büchner-Oeuvre versuchsweise zu erweitern. Poschmann hat die beiden oft nur am Rande zur Kenntnis genommenen Übersetzungen von Dramen Victor Hugos – „Lucretia Borgia“ und Maria Tudor“ - einer neuen Sichtung und Bewertung unterzogen und so Georg Büchners ambivalentes Verhältnis zu einem seiner erfolgsverwöhnten Gegenspieler dokumentiert. Warum sollten sich die Macher von Spiel- oder Lehrplänen nicht auch einmal für diese literarischen Seitenpfade begeistern können?
Büchner: Dichtungen. Text und Kommentar Büchner: Schriften – Briefe – Dokumente. Text und Kommentar Deutscher Klassiker Verlag, 2 Bde., 25 €
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