| In einer Zeit, da nackte Tatsache von jeder Kioskwand prangen, hat ein Taschenbuch mit dem Titel "Fünfzig erotische Gedichte" wenig Chancen, für großes Aufsehen zu sorgen. Und wenn es dann noch ohne Bilder auszukommen versucht, ist das Kapitel eigentlich schon abgeschlossen ... Doch es soll ja immer noch Menschen geben, die sich ein Buch kaufen, um darin zu lesen. Diejenigen, die solch hehres Vorhaben bei der neuen reclam-Anthologie in die Tat umsetzen, werden es nicht bereuen, denn die Textsammlung, die von Neidhart von Reuental bis zu Durs Grünbein quer durch die deutsche Literaturgeschichte reicht, ist wahrlich außergewöhnlich.
Zeigt sie doch, dass sich die großen Dichter nicht zu schade waren, neben den ideelen Aspekten großer, die Welt bewegender Leidenschaften auch die ganz profanen körperlichen Bedürfnisse zu besingen. Dass sie dabei schon im Mittelalter erstaunlich konkret und direkt zur Sache gingen, wird schließlich auch den eingefleischten Literaturfreund überraschen, auch wenn die seinerzeitige Bezeichnung für das männliche Geschlechtsorgan (Neidhart nennt es "Gimpel-Gempel")gewöhnungsbedürftig sein mag. Alfred Lichtenstein ist uns da dann vielleicht doch etwas näher: "Ein Auto bringt ein Fräulein um./Ein Junge bricht ein Mädchen an./Verbittert ist ein Mensch. Warum?/Weil er nicht coitieren kann." Eine lustvolle Lektüre, die durch das erstklassige Nachwort von Harry Fröhlich perfekt abgerundet wird!
Fünfzig erotische Gedichte, ausgewählt von Harry Fröhlich, Reclam-Verlag
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