| Marienbad, 1823. Wer den 73jährigen Goethe Tag für Tag auf der Promenade beobachtet, darf davon ausgehen, dass der Unbeugsame noch längst nicht zum Denkmal erstarrt ist. Doch die sichtbare Mobilität entpuppt sich bei näherer Betrachtung nur als schwacher Abglanz der nimmermüden Bewegungsenergie, die dem viel Geehrten einen beschaulichen Ruhestand verleidet. Denn Goethe ist weiterhin auf der Suche – nach Worten und Gleichgesinnten, seltenen Steinen und landschaftlichen Besonderheiten, physikalischen Entdeckungen, musikalischen Ideen, philosophischen und politischen Grenzbereichen. Was die Welt im Innersten zusammenhält, hat er noch immer nicht herausgefunden, doch als er Ulrike von Levetzow entdeckt, kommt ihm so eine Idee. Im Vergleich zum Vorjahr scheint ihm die 19jährige wie verwandelt und plötzlich wundersam geeignet, sein endloses Interessenspektrum in einem Punkte zu bündeln.
Viel ist im Vorfeld über Martin Walsers Goethe-Roman spekuliert worden, und die positiven Erwartungen hielten sich angesichts einer erneuten Beschäftigung mit der Kollision von eher jugendlichen und vergleichsweise greisenhaften Begehrlichkeiten in engen Grenzen. Doch das nun knapp 300seitige Opus zeigt: Der bald 81-jährige ist noch immer und immer wieder für Überraschungen gut. Denn Walser verliert sich trotz einiger Längen und Umwege nicht in schmieriger Altherrenprosa und weiß selbst die finale Erektion des Dichterfürsten so gediegen in Szene zu setzen, das niemand daran zweifeln würde, es auch hier mit einem seltenen Kunstwerk zu tun zu haben.
Walser verzichtet gänzlich auf die banale Ausbeutung des vermeintlich Spektakulären und konzentriert sich ganz auf das Herbeischreiben einer seltenen Liebesgeschichte, die er mit allerlei sprachlichen Finessen, pittoresken Bildern und reizvollen Einfällen dekoriert. Ohne Larmoyanz beschreitet er die Grenzen des Alters, hinter denen sich bis zum bitteren Ende und offenbar gerade in unmittelbarer Nähe desselben immer neue Perspektiven eröffnen
Vor allem anderen überzeugt jedoch das schillernde Porträt der Ulrike von Levetzow, die den realen Goethe zu seiner – im Roman vollständig zitierten – „Marienbader Elegie“ inspirierte und seitdem unter dem Schlagwort „Goethes letzte Liebe“ durch die Literaturgeschichte geistert. „Nur drei Sätzchen sind von ihr überliefert, die lächerlich sind“, erklärte Walser in einem Vorabinterview. „Das muss man sich mal vorstellen. Da ist dieses Gipfelgedicht der deutschen Lyrik und die, die es hervorgebracht hat, existiert nicht. Das war meine Chance. Ich habe eine Ulrike gemacht, derzuliebe man ein solches Gedicht schreiben müsste.“
Dieses ehrgeizige Vorhaben ist Walser eindrucksvoll gelungen. Seine Ulrike präsentiert sich als selbstbewusste, geistreiche Protagonistin, die den Anbetenden auch deshalb fasziniert, weil sie den von vielen Seiten verlangten Objektstatus mit schöner Unregelmäßigkeit durchbricht. Aber Ulrike wird auch im Hinblick auf das Dichtende im „liebenden Mann“ zur Zeitgenossin des modernen Lesers, etwa wenn sie von der „Satzhoheit“ ihres weltberühmten Verehrers rechtschaffen befremdet ist: „Ihre Sätze wirken auf mich immer so endgültig. Kein Nachdenken mehr möglich oder nötig. Es ist, wie es ist beziehungsweise wie Sie es gesagt haben.“
Martin Walser, Ein liebender Mann, Rowohlt, 19,90 €
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