| Theodor W. Adornos Einschätzung, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, hat sich schlicht und ergreifend als falsch herausgestellt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreichte die Lyrikproduktion in Deutschland ein bis dahin kaum gekanntes quantitatives und immer wieder auch qualitatives Niveau. Folgt man der neuen Anthologie von Theo Elm, dann scheint das Interesse an einer literarischen Auseinandersetzung mit den Greueln des Dritten Reiches im vergangenen Jahrzehnt allerdings noch einmal zurückgegangen zu sein.
Gelegentliche Ausnahmen wie Gregor Laschens "Vor dem Judenfriedhof in Lodz, 1989", Durs Grünbeins "Europa nach dem letzten Regen VI" oder Wolf Biermanns "Tod in Altona" bestätigen hier die thematische Regel, nach der in den neunziger Jahren trotz gewaltiger politischer Erschütterungen eine schleichende Entpolitisierung um sich gegriffen hat.Wenn Volker Braun nicht wäre, würde vermutlich noch nicht einmal mehr der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus als taugliches Sujet angesehen werden. So geht es also vielfach um Liebe und Natur (Sarah Kirsch), die nicht eben ertragreiche Auslotung des eigenen Innenlebens (Ulla Hahn), das endlose Wiederkäuen früherer Erfolgsrezepte (Ernst Jandl) oder allgemeine Betrachtungen über das Leben und die Welt und so (Peter Rühmkorf). Damit dürfte die "Lyrik der neunziger Jahre" ein recht präziser Spiegel unserer Zeit sein.
Lyrik der neunziger Jahre, herausgegeben von Theo Elm, reclam, 5,10 €
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