| Obwohl Ricardo Piglia zweifellos zu den renommiertesten Autoren Südamerikas zählt, musste sein wohl bedeutendster Roman „Künstliche Atmung“ fast ein Vierteljahrhundert auf seine deutsche Übersetzung warten. Angesichts der geradezu hysterischen Begeisterung für alle kulturellen Erzeugnisse, die unter dem „Latino“-Deckmantel in den letzten Jahren erfolgreich verschachert wurden, ist das einigermaßen erstaunlich, wenn auch keineswegs unerklärlich. Denn Piglias Roman unterscheidet sich von den bisweilen Schauder erregenden Produkten folkloristisch angehauchter Selbst- und Fremdverstümmelung durch historische Gründlichkeit und aufrichtiges Erkenntnisinteresse.
Letzteres treibt denn auch den Protagonisten Emilio Renzi, seinen sagenumwobenen Onkel Marcelo Maggi, den er bereits zum Gegenstand eines Romans gemacht hat, endlich persönlich kennenzulernen. Doch dieses Vorhaben erweist sich als unmöglich, denn Maggi wandelt seinerseits auf den Spuren eines Vorfahren, der in der argentinischen Geschichte des 19. Jahrhunderts eine zweideutige Rolle spielte und Entwürfe für einen Zukunftsroman hinterließ, der im Jahr 1979 spielen sollte. In genau diesem trifft Renzi anstelle seines Onkels auf den geheimnisvollen Polen Tardewski, der als literarische Spiegelung des berühmten Dichters Witold Gombrowicz wiederum eigene Theorien über das Zusammenspiel von Geschichte, Gegenwart und Zukunft vertritt und darüber hinaus noch eigenwillige Hypothesen über mögliche persönliche Zusammentreffen von Adolf Hitler und Franz Kafka in den Raum stellt.
weiter bitte
zurück zur Übersicht bitte | |