| Wenn die Waffen schweigen, geraten die Strategen des verbalen Wiederaufbaus zumeist in hektische Betriebsamkeit, denn die Möglichkeit, dass ihre Analysen zu einem Zeitpunkt erscheinen, da sie niemanden mehr interessieren, ist immerhin gegeben. Doch der kluge Mensch baut bekanntlich vor, und beginnt seine druckreifen Bilanzen schon Monate vor Beginn der eigentlich Kamphandlungen. So wie der Soziologe Wolfgang Sofsky, der die Öffentlichkeit bereits sechs Wochen nach Kriegsende mit einer gut 200seitigen Analyse versorgt, die am 11. Januar 2003 begonnen wurde, jetzt den anheimelnden Titel „Operation Freiheit“ trägt und als „Journal eines Zeitgenossen“ verstanden werden will. Überflüssig zu erwähnen, dass nicht nur der frühe Erscheinungstermin, sondern auch die inhaltliche Ausrichtung des neuen Sofsky von Verlagsseite mit reichlich Vorschusslorbeeren bedacht wird: „Das Buch widerspricht vehement den gegenwärtigen Debatten über Krieg und Frieden. Jenseits moralischer Empörung plädiert der Autor für eine nüchterne Analyse der Wirklichkeit der Macht.“
Gegen diese Einschätzung lässt sich wenig vorbringen, allerdings muss die Frage erlaubt sein, ob sich daraus automatisch eine positive Bewertung ergibt. Sofsky gelingt zwar eine relativ überzeugende Beschreibung des „demokratischen Imperialismus“, der zur Leitlinie einer auf Hegemonie und globale Herrschaftsansprüche zielenden US-Politik geworden ist. Doch damit lässt es der Autor dann bewenden und gelangt nach mehr oder weniger instruktiven, hier und da philosophisch angehauchten Gedanken über „Kriegspläne“, „Die Despotie“, „Die Zivilisation und die Bombe“ oder „Tage der Anarchie“ schließlich zum „Siegeszug der Macht“, der „zuletzt doch neue Freiheiten mit sich gebracht hat“ und so alles in allem gerechtfertigt erscheint. In seinem Bestreben, die Fluchwürdigkeit des irakischen Diktators ins rechte Licht zu setzen, verliert Sofsky kein einziges Wort über dessen frühere Verbindungen zum jüngsten Kriegsgegner und auch die sich aufdrängende Frage, warum der Sturz eines ganz zweifellos menschenverachtenden Terrorregimes denn erst mit jahrzehntelanger Verspätung betrieben wird, bleibt vollständig unbeantwortet. Stattdessen konzentriert Sofsky seine Kritik auf die Kriegsgegner, die sich zu „unheiligen Allianzen“ zusammengefunden haben und in der großen Weltpolitik deshalb verdientermaßen nur noch Statistenrollen einnehmen. Für die deutsche Protestbewegung hat der Soziologieprofessor besonders zweifelhafte Motive ermittelt: „In einem Land, das zwei Weltkriege begonnen und verloren hat, ist der Bedarf nach moralischer Eindeutigkeit und sittlicher Verbesserung besonders hoch.“ Wohin Sofsky schaut, erblickt er haltlose Ressentiments, die den Widerstand gegen die amerikanische Kriegspolitik begründen beziehungsweise gerade nicht begründen: „Den epochalen Sieg der amerikanischen Massenkultur konnte die distinguierte Geisteselite Europas nie recht verwinden. Die Schmach, die Freiheit nur angelsächsischer Hilfe zu verdanken, nagt zumindest im Gedächtnis der älteren Generationen.“ Angesichts solch peinlicher Rückständigkeit steigert sich die Sympathie für das forsche Auftreten der neuen Weltherren dann auch schon mal zu heimlicher Begeisterung: „Die veralteten Panzer und Mannschaftswagen (der Iraker, Zusatz d. Verf.) wurden von britischen Haubitzen, Jagdbombern und Challenger-Tanks in Stücke zerfetzt. Zu keiner Sekunde hatten sie eine Chance.“ Und so ist es im Prinzip nur gerecht, dass nun Polen oder Ungarn den Platz von Deutschland oder Frankreich an der Sonnenseite der USA eingenommen haben. Sofsky sieht darin kein politisches, ideologisches oder moralisches Dilemma, sondern betrachtet das Ganze im Wesentlichen als logisches Resultat einer historischen Fehleinschätzung des alten Europa, das einem weltpolitischen Missverständnis aufsitzt und eben nicht so recht weiß, wie die globalen Machtmechanismen heute funktionieren. Dabei sei doch gegen das Ergebnis der „Operation Freiheit“ wenig einzuwenden. Der Diktator ist verschwunden, die Verluste in der Zivilbevölkerung sind bedauerlich, aber überschaubar, und wer – bitte schön - will denn nun ernsthaft die These vertreten, dass im Irak kein demokratisches System etabliert werden könne? Zurück zum Alltag.
Wolfgang Sofsky: Operation Freiheit. Der Krieg im Irak, Fischer Verlag, 17,90 €
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