| Dante Alighieris „Divina Commedia“ (1312-1321) sollte die Vorlage für eines der ambitioniertesten Theaterprojekte des 20. Jahrhunderts werden. Doch die Nachwelt kennt nur den dritten Teil – „Paradiso“ – der geplanten Trilogie und diesen auch nur unter dem Titel „Die Ermittlung“. Peter Weiss musste den Versuch, Dantes Werk in ein modernes Welttheater zu verwandeln, das der selbstzufriedenen deutschen Nachkriegsgesellschaft kritisch zu Leibe rückt, schließlich aufgeben, vollendete aber nicht nur den letzten, sondern auch den ersten Teil, der nun in einer Erstausgabe als Veröffentlichung aus dem Nachlass erschienen ist.
Weiss schildert in 33 Gesängen die fiktive Rückkehr des Dichters Dante Alighieri in seine Heimatstadt, die ihn einst verbannt und zum Tode verurteilt hatte. Doch dort hat sich seit den Zeiten brutalster Gewaltherrschaft nicht viel verändert, nur die Methoden ihrer Verschleierung sind deutlich verfeinert worden. Und so gerät Dante , der selbst nicht so genau weiß, ob er als Mitläufer oder Oppositioneller verstanden werden will, erneut ins Visier der Mächtigen ... Peter Weiss gibt sich auch in diesem Stück nicht mit einer holzschnittartigen Schwarzweißzeichnung zufrieden, verzichtet auf manche politisch korrekte Selbstverständlichkeit, und demonstriert einmal mehr die herausragende Qualität und Aktualität seines aus dem öffentlichen Blickfeld gerutschten Schaffens. Mehr noch, der 1982 verstorbene Dichter stellt Dante und damit sich selbst – wie Christoph Weiß in dem aufschlussreichen Nachwort ausführt – die entscheidenden Fragen, mit denen sich auch diejenigen konfrontieren lassen müssen, die nicht persönlich zum Mörder geworden sind: Wäre ich in einer vergleichbaren Situation Opfer oder Täter gewesen? - Habe ich alles getan, was in meiner Macht stand, um den Tätern in den Arm zu fallen? „Inferno“ wird in der kommenden Spielzeit am Bremer Theater uraufgeführt. Man darf gespannt sein, wie Regisseur David Mouchtar-Samorai die nüchtern-präzise, aber auch eindringliche und bildhafte Sprache auf der Bühne umsetzt. Die Mehrfachbelastung der zehn Personen, die fast alle verschiedene Rollen übernehmen müssen, dürfte immerhin eine ebenso große Herausforderung sein, wie die schnellen Szenenwechsel, die auch gedanklich nachvollzogen werden wollen.
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