| "Auf einer gewissen Entwicklungshöhe wird ein konventioneller Grad von Verschwendung, die zugleich Schaustellung des Reichtums und daher Kreditmittel ist, sogar zu einer Geschäftsnotwendigkeit des ´unglücklichen´ Kapitalisten."
Ganz so weit wie Karl Marx dachten die alten Römer sicher noch nicht, aber ein Luxusproblem hatten sie ohne jeden Zweifel, denn nach dem Aufstieg zur Weltmacht, also spätestens seit dem 1. Jahrhundert vor Christus, verlangten die drastisch gestiegenen Einnahmen nach mehr oder weniger sinnvollen Ausgaben. Der renommierte Althistoriker Karl-Wilhelm Weeber spürt dem römischen Luxusleben, vom dem aus naheliegenden Gründen nur die Oberschicht und die überschaubare Anzahl sozialer Emporkömmlinge profitierte, in einem aufwendigen Bild- und Textband nach, der sich erfreulicherweise nicht nur auf die naheliegende Schlüssellochperspektive beschränkt, sondern auch den sozialen, gesellschaftlichen und politischen Ursachen und Folgen auf den Grund geht. So erfahren die Leserinnen und Leser zwar allerlei Interessantes über herrschaftliche Paläste und das wellness-Dorado Baiae, „Kurtisanen mit Bildung und erotischem Know-How“, Sklaven, deren einzige Aufgabe darin bestand, die Uhrzeit anzusagen oder Begräbnisfeierlichkeiten mit obligatem Gladiatorenkampf. Doch Weeber gelingt immer wieder der Übergang zu den Schattenseiten dieser Extravaganzen. Soziales Elend, sexueller Missbrauch und menschenunwürdige Lebensbedingungen gehören zwangsläufig ebenso zu dem gewählten Themenkreis, wie die spannende Frage, ob das ausschweifende Leben als „Symptom einer kranken Gesellschaft“ gedeutet werden kann. Gleichwohl läuft der Autor nicht Gefahr, sein Publikum mit moralisierenden Zwischentönen zu verschrecken. Mit sanfter, aber treffsicherer Ironie nimmt er stattdessen die Kritiker des Luxuslebens aufs Korn und weist wie beiläufig darauf hin, dass Cicero, Seneca oder Sallust, die sich allesamt wortreich über das immer pompöser werdende Bauwesen echauffierten, selbst nicht nur wohlhabend, sondern obendrein auch noch Besitzer gleich mehrerer ansehnlicher Stadtvillen und Landsitze waren. So wird die Beurteilung des Luxuslebens zur gesellschaftlichen Aufgabe und (offenbar nicht leicht zu beantwortenden) Gewissensfrage.
Karl-Wilhelm Weeber: Luxus im Alten Rom. Die Schwelgerei, das süße Gift, Primus Verlag, 34,90 €
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