| Die Taube, die auf der rechten Schulter eines Denkmals hockt, bemerkt die junge Amerikanerin zuerst. Ein paar Sätze weiter tummelt sich Madelin schon im Blickfeld ihres Bruders Jack, der angestrengt darüber nachdenkt, warum seine Schwester die würdevollen Adler am Fries des Palazzo Labbia zu überdimensionierten Hennen und die obligatorischen Möwen zu gefrorenen Heringen mit Schwingen erklärt. Sekunden später betreten der abgesetzte König, ein griechischer Pianist mit okkulten Neigungen, Bachmann, ein offensichtlicher Doppelgänger der Regielegende Max Reinhardt und die pompöse Dame Hofknix die Szenerie. Hinzu kommen die Hausbesitzer und Partygäste jeglicher Couleur: Alter Adel und junge Glücksritter, Samariter und Menschenfeinde, Selbstdarsteller und Mauerblümchen, erotische Naturtalente und dergleichen kompensierende Konversationsgenies – und natürlich die Schatzsucher, deren zum Lebensinhalt mutierte Abendaufgabe darin besteht, eine wertvolle Brosche aufzuspüren. Zwischen all dem, fast immer und beinahe überall: Madelin, die wir schließlich auch noch auf einem nächtlichen Spaziergang durch Venedig und in den Palazzo Vendramin begleiten, wo rund 50 Jahre vor ihrer Ankunft der hochberühmte Richard Wagner starb.
Mit den „Schatzsuchern von Venedig“ ist nun auch der dritte Roman, den die deutsch-jüdische Schriftstellerin Ruth Landshoff-York vor 1933 verfasst hat, im Buchhandel erhältlich. Wie beim „Roman einer Tänzerin“ (2002), dessen zeitnahe Veröffentlichung durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten verhindert wurde, handelt es sich auch hier um eine Erstausgabe aus dem Nachlass, wohingegen der Roman „Die Vielen und der Eine“, der bereits 1930 publiziert worden war, 2001 in einer Neuauflage erschien. Als Herausgeber zeichnet erneut Walter Fähnders verantwortlich, der die „Schatzsucher“ mit einem instruktiven Nachwort, Stadtplan und 28 Venedig-Fotos versehen hat. Der Roman vervollständigt vorläufig das Bild einer Autorin, die in den 20er und frühen 30er Jahren einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erreichte, anschließend ins Exil getrieben wurde und dann nicht nur völlig zu Unrecht, sondern auch noch viel zu lange in Vergessenheit geriet.
Insofern handelt es sich bei allen drei Büchern zwar auch um historische Wiedergutmachungen, vor allem aber um veritable literarische Entdeckungen. Ihr eigenwilliger Reiz entwickelt sich selbstredend aus dem atemberaubenden Tempo, mit dem die Nichte des Verlegers Samuel Fischer von einem inneren oder äußeren Schauplatz zum nächsten eilt, ist gleichzeitig aber die logische Folge einer bemerkenswerten geistigen Durchdringung des hektischen Zeitgeschehens. In den „Schatzsuchern von Venedig“ wird exemplarisch deutlich, wie es der Autorin immer wieder gelingt, tradierte Sichtweisen und modische Attitüden zu brechen. Die von der Kulturgeschichte längst ausgeweidete Lagunenstadt erscheint durch den Betrachtungswinkel der deutschen Autorin und ihrer amerikanischen Protagonistin als stilvolle, aber austauschbare Kulisse, in der die Bewohner dem Spaßdiktat der internationalen High Society nur noch stummen Protest entgegensetzen können. Deren Mitglieder haben wenig Interesse an den Kunstschätzen von Franceso della Vigna, San Giovanni e Paolo oder der Scuola di San Rocco, der Wunsch, die „leeren Nächte“ zu füllen, verwandelt sie in „Furien“ und gräbt einen „fürchterlichen Ausdruck von Verlangen und Gier“ in ihre Gesichter.
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