| Madelin und Ruth Landshoff-York, die selbst oft in Venedig war, wo ihr Geliebter Karl Vollmoeller den besagten Palazzo Vendramin bewohnte, erleben die Stadt dagegen nicht unter dem Zwang aggressiven Zeitvertreibs und permanenter Dauerbelustigung:
"Dieser Mond war doch anders als in Valparaiso und Paris, sein blasses Licht schälte die Umrisse der Schönheit aus dem dunklen Sammet der Nacht, die Häuser wurden Ornamente, ihre Nutzbarkeit verlor an Bedeutung, sie wurden zu Preisliedern, zu hingestellten Loben dieser Stadt. Man konnte das doch anschauen, oder?“
Diese Passage lässt die Leser, die sich nun erst 70 Jahre nach der Entstehung der „Schatzsucher“ zusammenfinden können, auf dem Glatteis des Trivialromans ebenso ins Straucheln geraten, wie das Lamento der alten Dame, die nicht verstehen will, warum ihr geliebter Vierbeiner, dessen bronzierter Schwanz ausgezeichnet zu ihren helllila oder grünen Fingernägeln passte, nach dem Ablecken des verunzierten Körperteils plötzlich das Zeitliche gesegnet hat. Die Unfähigkeit, dem eigenen Leben konstruktive Ziele zu setzen, das Erstaunen über den plötzlichen Zusammenbruch finanzieller Allmachtsphantasien, die nur mühsam kaschierte Verzweiflung über die Sinnlosigkeit der eigenen Existenz erweisen sich am Ende der Weimarer Republik als generationsübergreifendes Problem.
Vor dem fadenscheinigen happy end warten also noch einige unerfreuliche Einsichten, so als hätte Landshoff-York das Credo ihres berühmten Kollegen Èechov übernommen: „Ich wollte den Menschen ehrlich sagen: Seht, wie schlecht und langweilig ihr lebt.“ Gleichwohl fehlt den „Schatzsuchern von Venedig“ die Präzision und vielleicht auch die Bitterkeit einer radikalen Gesellschaftskritik. Ohne Zweifel spürt die Autorin genau, dass ihre Welt aus den Fugen geraten ist, doch mögliche Ursachen und Auswege werden nicht thematisiert. Ihre Protagonistin bleibt über weite Strecken blass, gewinnt viele Sympathien, aber wenig Profil, und weiß am Schluss einmal mehr nicht so ganz genau, wohin der Weg eigentlich gehen soll. Die Aktualität dieses Romans liegt also auf der Hand.
Ruth Landshoff-York: Die Schatzsucher von Venedig, Aviva, 16,50 €
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