| Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion
Virtuelles Doppelleben
Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg zeigt Ibsens Jugenddrama "Die Helden von Helgeland" – auf der Bühne und in der Online-Welt "Second Life"
Heldenkostüm im Internet
Ausgerechnet dieses rustikale, fell- und helmbewehrte Schauspiel, das seit Jahrzehnten kaum gespielt wird, soll geeignet sein, den Problemen des modernen Menschen auf die Spur zu kommen? Unbedingt, sagt der 1977 geborene Regisseur Roger Vontobel, denn schließlich setzen sich die Helden von Helgeland mit ganz alltäglichen Problemen auseinander. „Das Stück ist in erster Linie ein Beziehungsdrama. Da gibt es Menschen, die mit den falschen Partnern zusammen sind und sich ihrer Lebenslügen immer deutlicher bewusst werden. Statt miteinander zu kommunizieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, flüchten sie sich in Phantasiewelten, in denen alles per Knopfdruck geregelt werden kann.“
An dieser Stelle bringt Vontobel „Second Life“ ins Spiel. Das gigantische Internet-Projekt, in dem inzwischen weit über 10 Millionen Menschen mit Hilfe ihrer sogenannten „Avatare“ ein virtuelles Doppelleben führen, bietet Ibsens Figuren die Chance, in maßgeschneiderte Heldenkostüme zu schlüpfen. Was im realen Leben nicht mehr funktioniert, klappt im Internet problemlos. Die Avatare wachsen über ihre menschlichen Pendants und Programmierer hinaus, widmen sich nimmermüde den Aufgaben des Tages, gehen keiner Konfrontation aus dem Weg und wenn es ihnen doch einmal zu viel werden sollte, fliegen sie einfach davon. Die Theaterbesucher können das virtuose Rollenspiel problemlos verfolgen: Per Beamer werden alle Online-Ereignisse direkt auf den Bühnenhintergrund übertragen.
Online-Shop für Wikingerschiffe
Michael Schieben und Milan Matull sind in Hamburg für die technische Umsetzung verantwortlich. Sie haben die 12.000 Quadratmeter große virtuelle Landschaft, die das Schauspielhaus dank eines Sponsors vorübergehend nutzen darf, gestaltet und für die sechs Figuren heldenhafte Avatare entwickelt. Einen Teil der Requisiten konnten sie sich direkt in Second Life besorgen, wo sogar ein Wikingerschiff für rund 4.000 Linden-Dollar angeboten wurde. Legt man den aktuellen Tauschkurs zugrunde, hat das stolze Gefährt also nicht viel mehr als 10 Euro gekostet.
Die Schauspieler, die auf der Bühne mit sechs Rechnern (ko)operieren, stehen bei dieser Produktion vor denkbar ungewohnten Herausforderungen. Hans-Caspar Gattiker, Janning Kahnert, Julia Nachtmann, Jana Schulz, Jürgen Uter und Martin Wolf müssen die Vorgänge in Second Life steuern und gleichzeitig sprechen und spielen. Vor Beginn der Proben wurde für sie deshalb ein spezieller Workshop angesetzt. „Die Aufgaben sind vor allem in motorischer Hinsicht sehr komplex, aber die Schauspieler hatten von Anfang an keinerlei Berührungsängste und kommen von Mal zu Mal besser zurecht“, beruhigt Michael Schieben. Aber auch für den Internet-Experten, der die Fortschritte der Arbeit in einem eigenen Blog dokumentiert, ist diese Theaterproduktion der bislang „spannendste“ Auftrag.
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