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Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion SWO: Gastbeitrag von Frank Leifermann

Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

Gastbeitrag von Frank Leifermann

Günter Grass: Im Krebsgang

Gern begleitet Günter Grass sein erzählerisches Werk mit Grafiken und Zeichnungen, vorzugsweise Tierdarstellungen. In diesem Falle nun ziert ein Krebs das Cover, bewusst gewählt wegen seiner Gangart. In vorgetäuschten seitwärts ausschlagenden Rückwärtsbewegungen, die trotzdem ein recht zügiges Fortkommen gewährleisten, nähert sich Grass einem ihm sehr am Herzen liegenden Thema, nämlich der größten Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt: Am 30. Januar 1945 verlässt das ehemalige Kraft-durch-Freude-Kreuzfahrtschiff "Wilhem Gustloff" mit 6.100 Flüchtlingen an Bord Gotenhafen und wird vor Stolpermünde von einem sowjetischen U-Boot aufgespürt. Von drei Torpedos durchbohrt, versinkt das Schiff binnen einer Stunde. Der größte Teil der Passagiere, Frauen, über viertausend Säuglinge und Kleinkinder, aber auch verwundete Soldaten, ertrinken im eiskalten Wasser.

Günter Grass_Im Krebsgang_Besprechung von Frank Leifermann

Erzählt wird die Geschichte aus Sicht des mittelmäßigen Journalisten Paul Pokriefke, dessen Mutter zu den wenigen Überlebenden der Katastrophe gehörte und der kurz nach dem Untergang auf einem Begleitboot geboren wurde. Während seiner Recherchen im Internet stößt er auf eine rechtsradikale Seite, die das Schicksal der "Gustloff" ausschlachtet. Bei genaueren Nachforschungen in einschlägigen Foren findet Pokriefke heraus, dass sein halbwüchsiger Sohn Urheber der Homepage ist. So entspannt Grass auch diese Handlung - wie so oft in seinen Werken - zwischen zwei Fixpunkten: der Danziger Heimat seiner Kindheit einerseits und der politischen Gegenwart (im Westen) andererseits.
Anders als in vorangegangenen Romanen verzichtet der Blechtrommler auf den moralischen Zeigefinger, und auch die sonst üblichen Schimpftiraden gegen diverse Medien scheint der Nobelpreisträger nun nicht mehr nötig zu haben. Stattdessen nimmt er um der Sache willen in Kauf, dass der Rechercheur den Epiker in einigen Passagen einengt. Auch das Jonglieren mit Internet-Fachbegriffen wirkt gelegentlich aufgesetzt und nicht immer passend.
Fazit: Die Kritiker mögen streiten wie ehedem, jedoch: Durch die Publizierung dieser heiklen Historie in Form eines Romans - der Autor spricht bescheiden von einer Novelle - im Jahre 2002 löste Grass eine neue, weil bis dahin tabuisierte Diskussion darüber aus, auch Leid und Verlust der deutschen Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs zu thematisieren.
Jetzt erstmals als Taschenbuch!

Günter Grass: Im Krebsgang, dtv, 9,50 €

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