| Katastrophen und deren Beobachtung aus der sicheren Entfernung des Fernseh- oder Kinosessels haben - das wissen wir nicht erst seit dem Anschlag auf die Twin Towers - bei aller Grausamkeit auch immer etwas Faszinierendes. Dies mag ein wesentlicher Grund für den steten Erfolg des Genres Katastrophenfilm sein. Aber was genau umfasst dieses Genre, und ist es überhaupt möglich, Kriterien zur Eingrenzung desselben zu finden?
Manfred Hobsch hat sich eben dieser Herausforderung gestellt, und das Ergebnis ist ein etwa 770 Seiten starker Katalog, der einige Hundert Titel enthält, darunter zunächst einmal die allermeisten Werke, die Otto-Normalseher spontan unter dem Stichwort „Katastrophenfilm“ in den Sinn kommen könnten. So finden sich beispielsweise Klassiker wie „Erdbeben“, „Flammendes Inferno“, „Die Flut bricht los“, oder Kassenschlager wie „Titanic“ und „Armageddon“, wobei man auch die beim Drucktermin aktuellsten Filme berücksichtigt hat. „Twister“, „Poseidon Inferno“, „Volcano“, „Airport“, „Outbreak“, „Der Jüngste Tag“, „Meteor“, „Der Sturm“ und unzählige andere Filme werden vorgestellt. Das Lexikon enthält darüber hinaus allerdings auch Zwitterfilme, die man nicht zwingend dem Genre Katastrophenfilm subsumieren muss, als da wären „Twelve Monkeys“, „Dawn Of The Dead“ oder „Dr. Seltsam Oder Wie Ich Lernte, Die Bombe Zu Lieben“. Die Aufnahme „reiner“ Science Fiction- und Horrorfilme sind in einem Lexikon, das man ruhigen Gewissens als Standardwerk des Katastrophenfilms empfehlen möchte, ebenso fraglich. Ob sich die kleinen „Gremlins“ oder die „Critters“ in diesem Buch wirklich wohl fühlen? Geschmacksache ist außerdem die akribische Listung unzähliger italienischer Zombie-(Splatter-)Movies, in denen es weniger um Katastrophen, denn eher um die sinnlose Reihung blutiger Effekte geht. Hier rechtfertigt die lexikalische Erfassung allenfalls die Tatsache, dass eben diese Filme (gerechtfertigterweise?) dem Vergessen anheim gefallen sind. Katastrophen im eigentlichen Sinne sind für mich Naturereignisse, wie Sintfluten, Vulkanausbrüche, Stürme, technische Unglücke, wie außer Kontrolle geratende Flugzeuge oder Züge und (missglückte) biologische Versuche, deren Folgen die Menschheit bedrohen. Sind aber auch Zombies, die Menschen beißen, Katastrophen? Ist jeder 50er-Jahre Weltraum-Invasionsfilm wie „Invasion Vom Mars“ wirklich notwendig? Nun, diese Unschärfen der Katalogisierung mögen unwesentlich sein und im Auge des Betrachters liegen. In einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem Lexikon sollten sie allerdings Erwähnung finden. Auch wenn man entschuldigend berücksichtigen muss, dass die Definition des Katastrophenfilms per se unklar ist, trägt die Einordnung strittiger Filmtitel in dieses Werk unweigerlich zu dessen Fülle bei. Extrem positiv aufgefallen ist der Informationsgehalt zu dem jeweiligen Film. Neben einer für lexikalische Verhältnisse sehr ausführlichen Inhaltsangabe finden sich immer auch solide Stab- und Produktionsangaben und Auszüge aus Besprechungen, Pressematerial und sonstige Kritiken. Wertende Zitate meist zeitgenössischer Filmkritik aus so unterschiedlichen Quellen wie etwa dem Lexikon des internationalen Films oder aber auch TV Movie liefern einen interessanten Einblick in die Rezeptionsgeschichte und verleihen dem ansonsten auf die emotionslose Listung empirisch messbarer Werte erpichten Lexikon eine charmante Note. Fazit: Manfred Hobsch ist trotz aller Unwägbarkeiten ein Werk gelungen, in das sich Cineasten mit Freude vertiefen werden, zumal das Lexikon mit besonders erlesenem Bildmaterial angereichert ist, dem man allenfalls in einer der nächsten Auflagen ein qualitativ hochwertigeres Papier spendieren möge.
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