| Bis zu einer ersten umfangreichen Biografie dauerte es noch einmal 166 Jahre, doch mit Dagmar von Gersdorffs „Die Erde ist mir Heimat nicht geworden. Das Leben der Karoline von Günderrode“ liegt nun endlich doch ein vorläufiges Standardwerk vor, das Lesbarkeit mit akribischer Quellenforschung vereint. Wie so oft schaut Gersdorff den Beobachteten ein wenig zu aufdringlich über die Schulter und in die mutmaßlichen Gedankengänge, doch ihre gelegentliche Distanzlosigkeit erhöht zweifellos den Schmökerfaktor, ohne den das populärer gewordene, aber immer noch unhandliche Thema auch heute kaum zu verkaufen wäre.
Christa Wolfs fast 30 Jahre alter Essay „Der Schatten eines Traumes“ ist da von anderem Kaliber. Zwar nutzt die Autorin, die das Schicksal der Günderrode bereits in ihrem Roman „Kein Ort. Nirgends“ verarbeitete, die Vorgängerin eher als Projektionsfläche für die eigene Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Durch die kompromisslose Diktion, mit der Wolf ihre Günderrode aus dem „Massengrab des Vergessens“ zerrt und den Händen von „Studienräten und Professoren“ entreißt, entpuppen sich die individuellen Erlebnisse jedoch als Symptome gesellschaftlicher rund politischer Fehlentwicklungen, welche die Jahrhunderte in verbal angepasster und optisch aufgefrischter Form überdauert haben.
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