| Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion
Über Hartz IV zu Gerhart Hauptmann
Die deutsche Theaterlandschaft erlebt eine Renaissance des Naturalismus
Kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts vollzog sich in Deutschland eine literarische Revolution. Wie in keiner Epoche zuvor widmeten sich Schriftsteller simplen Alltagsthemen, gesellschaftlichen Problemen und politischen Grundsatzfragen. Auf der Bühne, die den Naturalisten stets lieber war als Lyrik und Prosa, ging es fast so zu wie im richtigen Leben. Getreu der Weltformel ihres Vordenkers Arno Holz - „Kunst = Natur – x“ – versuchten die Hauptmanns, Halbes und Sudermanns, das Theater zum nachbildenden Schauplatz realer Konflikte zu machen. Indem sie staatliche Willkür und Arbeitslosigkeit, die allgemeine Verelendung und die Unterdrückung von Frauen, Gewalt oder Alkoholismus thematisierten, indem sie neues Dramenpersonal entdeckten und dasselbe in Dialekten und Kraftausdrücken sprechen ließen, verwandelten sie die Bühne in ein Forum öffentlicher Auseinandersetzung über die wichtigsten Probleme der Gegenwart.
Je näher sie dieser kamen, desto größer wurde allerdings die Gefahr, dass die Zeitstücke im Laufe der Jahre ihre Brisanz und Aktualität, die historischen Bezugspunkte und das Interesse des Publikums verlieren würden. Und so kam es dann auch. Einstige Kassenschlager wie Hermann Sudermanns „Die Ehre“, Max Halbes „Jugend“ oder Otto Erich Hartlebens „Rosenmontag“ verschwanden langsam, aber endgültig von den Spielplänen, und selbst Gerhart Hauptmann, der unumschränkte Star der naturalistischen Bewegung, musste den Spitzenplatz unter den meistgespielten deutschen Dramatikern an jüngere und ältere Kollegen abtreten.
Doch im 21. Jahrhundert scheint sich das Bild zu wandeln. Deutschland steckt tief in der Krise, und plötzlich sind zumindest die Stücke von Gerhart Hauptmann wieder da. „Die Ratten“ werden in Hamburg, Münster und Wiesbaden gespielt, Aachen kümmert sich um den „Biberpelz“, Mannheim und die Münchner Kammerspiele zeigen „Vor Sonnenaufgang“, und am Dresdner Staatsschauspiel sorgt eine Neuinszenierung der “Weber“, die Regisseur Peter Lösch mit einer Anspielung auf Sabine Christiansen verunziert, für einen bundesweiten Skandal. Bettina Migge, die Prokuristin des Bühnenverlages Felix Bloch Erben, beobachtet seit zwei Jahren ein deutlich gestiegenes Interesse an den Werken des Literatur-Nobelpreisträgers von 1912: „Hauptmann boomt, daran gibt es keinen Zweifel. Wir haben für ihn allerdings auch kräftig die Werbetrommel gerührt und die Theater gezielt auf seine Stücke angesprochen.“
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