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Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion SWO über die Renaissance des Naturalismus im deuts


Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

Über Hartz IV zu Gerhart Hauptmann

Doch es gibt noch mehr Gründe für das überraschende Comeback. Die Münchner Schauburg hat „Die Weber“ auf den Spielplan gesetzt und zeigt den lange totgesagten Klassiker am Vormittag für Schulklassen und abends für das erwachsene Publikum. Regisseur Gil Mehmert verzichtet auf historische Details, ihm reichen neun Schauspieler und ein fünf Meter langes Brett, um „die Enteignung des Individuums durch Arbeit“ zu demonstrieren. Hier sieht Marion Bösker, Dramaturgin für Öffentlichkeitsarbeit an der Schauburg, die inhaltliche Verbindung zum Naturalismus, auch wenn die ästhetische Umsetzung in eine andere Richtung geht. „Wir leben in einer Zeit des wirtschaftlichen Umbruchs, die von Zukunftsangst geprägt ist. Da hilft manchmal ein Blick in die Vergangenheit.“

Das Design ändert sich, die Themen bleiben und scheinen auch immer mehr Jugendliche zu interessieren oder doch wenigstens zu beunruhigen. „Viele denken natürlich zunächst ´Theater ist besser als Mathe´“, gibt Bösker zu. „Doch nach der Aufführung sieht man den jungen Menschen an, wie sehr sie die Aufführung gepackt hat.“ Bis jetzt sind 50 bis 55 Vorstellungen geplant, „vielleicht werden es sogar noch mehr“.

Das Hamburger Thalia-Theater zeigt Armin Petras´ Inszenierung von Hauptmanns „Die Ratten“ seit März 2004. Nach 25 Vorstellungen wird das Stück im Sommer abgesetzt, aber nur weil der Spielplan überfüllt ist. „Der Publikumszuspruch war sehr gut“, meint Chefdramaturg Michael Börgerding, „wenn es allein danach gegangen wäre, hätten wir die Produktion durchaus in die nächste Saison übernehmen können.“ Für Börgerding ist der neuerliche Erfolg naturalistischer Dramen schnell erklärt: „Da die anderen Autoren kaum noch jemand kennt, geht der Weg von Hartz IV direkt zu Gerhart Hauptmann. So denken und funktionieren Dramaturgien und Regisseure.“ Allerdings tun sie das nicht ganz freiwillig, denn wer sich auf dem Theater mit sozialen Problemen beschäftigen will, müsste schließlich nicht zwingend auf Texte zurückgreifen, die rund 100 Jahre alt sind. Doch die jüngere Dramenliteratur bietet in diesem Bereich offenbar wenig Alternativen an. „Da gibt es eindeutig ein Defizit. Insbesondere für die große Bühne ist kaum etwas dabei“, bedauert Börgerding das Desinteresse junger Dramatiker am gesellschaftlich relevanten Themenspektrum Arbeit und Soziales.

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