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Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion SWO über die Renaissance des Naturalismus im deuts


Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

Über Hartz IV zu Gerhart Hauptmann

Nürnbergs Schauspieldirektor Klaus Kusenberg hat mit Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“ ein Spätwerk des Dichters auf den Spielplan gesetzt. Er führt den regen Zuspruch, den Andreas von Studnitz´ Inszenierung derzeit in Nürnberg erfährt, allerdings auch auf die Publikumserwartungen zurück, die sich unter dem Druck der wirtschaftlichen Talfahrt grundlegend gewandelt haben. „Ich glaube, dass die Menschen im Theater heute mehr Realität, mehr Inhalte und mehr Standpunkte sehen wollen. Vor zehn bis fünfzehn Jahren war das anders – da konnte es gar nicht spaßig, ironisch und unverbindlich genug sein.“

Kusenberg, dem das vermutlich bleibende Verdienst zukommt, als Letzter Hermann Sudermanns Schauspiel „Sturmgeselle Sokrates“ (Badisches Staatstheater Karlsruhe, Saison 1997/98) inszeniert zu haben, sieht allerdings kaum Chancen, dass auch andere Dichter von der Renaissance des Naturalismus profitieren könnten. „Viele sind ganz in Vergessenheit geraten, und bei Sudermanns Stücken handelt es sich eher um Salonkomödien. Hauptmanns Dramen haben dagegen eine fast antike Wucht. Sie zeigen starke und scharfe Konflikte, die bis heute zur Auseinandersetzung reizen.“

Gegen Kusenbergs Prognose lässt sich nichts Relevantes einwenden. Trotzdem hätte es die eine oder andere Rarität sicher verdient, in Hauptmanns Windschatten noch einmal Bühnenluft zu schnuppern. Wie wäre es beispielsweise mit Sudermanns freigeistigem Künstlerdrama „Sodoms Ende“, das den Berliner Polizeipräsidenten von Richthofen seinerzeit zu der sprichwörtlichen Äußerung „Die janze Richtung paßt uns nicht!“ inspirierte? Mit Max Halbes bereits symbolistisch eingetrübten Dramen „Jugend“ und „Der Strom“? Oder mit Otto Erich Hartlebens Schauspiel „Hanna Jagert“, das den tollkühnen Versuch unternimmt, die Frauenemanzipation gegen den Siegeszug der Sozialdemokratie auszuspielen?

Es gibt noch viel zu entdecken - in der Literaturgeschichte und in der Wirklichkeit.

Thorsten Stegemann

(Erstveröffentlichung im "Rheinischen Merkur")

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