| Dabei spielt James Stewart immer wieder und mit zunehmender Begeisterung doppelbödige Charaktere, die so gar nicht zum Bild des ehrenfesten Durchschnittsamerikaners passen wollen. Mit seiner schlacksigen Körperhaltung und der gedehnten Aussprache wirkt der 1,92 große Mime nicht selten schüchtern und verunsichert. In „Der Mann, der Liberty Valance erschoß“ (1962) sieht man ihn als zwielichtigen Senator Ransom Stoddard, der seine Karriere einer Lebenslüge verdankt. Der Polizist John „Scottie“ Ferguson („Vertigo“) leidet an Höhenangst und muss seinen Dienst quittieren, während der Sensationsfotograf L. B. Jeffries („Das Fenster zum Hof“) seinen Augen nicht mehr traut, obwohl sie den Mord im Nachbarhaus deutlich gesehen haben. Mace Bishop („Bandolero!“, 1968) gibt sich als Henker aus und wird dann noch zum Bankräuber und Entführer, Elwood P. Dowd („Mein Freund Harvey“, 1950) sieht einen unsichtbaren weißen Hasen, der Farmer Howard Kemp („Nackte Gewalt“, 1953) entpuppt sich als gewiefter Kopfgeldjäger, und der bodenständige Cowboy John O'Hanlan („Geschossen wird ab Mitternacht“, 1970) probiert sein Glück als Bordellbesitzer.
Das heroische Bild, das sich viele Amerikaner von ihrem Lieblingsschauspieler machen, wird allerdings nur bedingt von der Leinwand geprägt. Sie sehen in ihm auch den Piloten der Air Force, der im Zweiten Weltkrieg Commander einer Bombereinheit wird und an mehr als 20 Flügen über Feindesland teilnimmt. Später avanciert Stewart sogar zum Brigadegeneral der Air Force und lässt kaum eine Gelegenheit aus, seiner Begeisterung für das militärische Leben Ausdruck zu verleihen. „Für mich persönlich war das eine wichtige Schule, eine Schule der Disziplin. Und Disziplin finde ich sehr wichtig“, gibt der Schauspieler zu Protokoll. „Ich habe 27 Jahre bei der Armee gedient, da habe ich den Wert von Disziplin kennengelernt und im täglichen Leben kommt es einem immer wieder zugute, wenn man es verstanden hat, Disziplin zu praktizieren.“
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