| Wer anderen auf dem roten Teppich den Vortritt lässt, an Mikrophonen und Kameras gelassen vorbeischlendert und Talkshows nicht als natürliches Lebensumfeld betrachtet, gilt in der kleinen deutschen Glamour- und Glitzerwelt schnell als Außenseiter. „Man will Hollywood sein und ist eben doch Köln-Ossendorf“, spottete Elke Heidenreich, als die Republik über Marcel Reich-Ranickis wortgewandte Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises diskutierte. Köln-Ossendorfisch ist demnach nicht nur die gediegene Selbstzufriedenheit der vermeintlichen Stars und Sternchen, sondern auch die völlige Verständnislosigkeit, mit der sie denjenigen begegnen, die es nicht darauf anlegen, ihr überschätztes Inneres permanent nach außen zu kehren.
© Foto: RealFiction Julia Jentsch hat in mehr als zehn Berufsjahren reichlich Erfahrungen mit Vorurteilen und Klischees dieser Art gesammelt. Weil sie ihre Arbeit lieber mag als „das ganze Drumherum“, gilt sie als scheu und zurückhaltend. Wenn von der Berlinerin, die 2005 mit dem Silbernen Bären, dem Undine Award, dem Preis der deutschen Filmkritik, dem Deutschen Filmpreis und dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, die Rede ist, fallen Vokabeln wie schweigsam und schwierig, und eine Zeitschrift kürte sie gar zur "verschlossensten Schauspielerin Deutschlands“.
Die Zuschauer, die Julia Jentsch im Theater erleben oder ihre Filme sehen, haben freilich ganz andere Eindrücke. Ihnen präsentiert sich eine Schauspielerin, die akribisch vorbereitet ist, durch die intensive und mitreißende Art ihrer Darstellung selten gewordene Maßstäbe setzt und bei der Auswahl der Rollen nie den Weg des geringsten Widerstands geht.
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