| „Die geistige Vorstellung von Musik, das, was vor der Partitur da ist, das Nachdenken darüber, das findet nicht in 5 Notenlinien auf A4 Blättern statt, mit Taktstrichen durchzogen. Das ist nur unsere europäische Form, Musik aufzuschreiben. Gedanken laufen jedoch anders: weitaus komplexer, reicher, mit grenzenlosen Möglichkeiten.“
Das künstlerische Credo der 1966 in Berlin geborenen Komponistin Juliane Klein widerspricht jeder Art von endgültiger Fixierung. Einmalige Aufführungen, sprich: Interpretationen laufen diesem Musikverständnis ebenso zuwider wie finale CD-Pressungen, die schließlich das genaue Gegenteil eines ergebnisoffenen Musizierens darstellen. Theoretisch ist Kleins Aufnahme in die „Edition Zeitgenössische Musik“, die seit 1986 vom Deutschen Musikrat herausgegeben wird, also mit Vorsicht zu genießen.
Wer bislang allerdings keine Gelegenheit hatte, ihre Opern, Orchesterwerke, Kammermusik und Solostücke kennen zu lernen, die bereits in der Berliner Philharmonie, der Niedersächsischen Staatsoper Hannover oder bei „Feldtmann kulturell“ in Hamburg aufgeführt wurden, wird diese Werkauswahl dankbar begrüßen. Die nun unveränderliche Fassung der fünf zwischen 1996 und 2003 entstandenen Arbeiten dokumentiert facettenreich genug die außergewöhnliche Begabung dieser Komponistin. Kleins Überzeugung „Inspiration ist geistige Klarheit“ dominiert die acht- bis gut fünfzehnminütigen Stücke vom ersten bis zum letzten Takt, denn auch wenn die einzelnen Musiker sie letztlich mit singulärem Leben erfüllen müssen, bleibt wenig dem Zufall überlassen.
Kleins Werke, die hier von hochkarätigen Solisten und dem selbstgegründeten „Kammerensemble Neue Musik Berlin“ interpretiert werden, sind oft szenisch angelegt und suchen grundsätzlich eine Möglichkeit des kommunikativen Austauschs. Das gilt nicht nur für das Mit-, Neben und Gegeneinander der Instrumente, die in Stücken wie „mit“ (Oboe, Cello, Klavier und Percussion) geradezu programmatisch zusammengeführt werden, sondern auch für das Verhältnis zu anderen Künsten. Kleins Aufenthalte in der Pariser Cité des Arts und im Künstlerkollektiv Puschkinskaja 10 in St. Petersburg mögen ihr Bemühen um Grenzüberschreitungen mitbeeinflusst haben und schlagen nun Spannungsbögen zur bildenden Kunst („Aus der Wand die Rinne“), Literatur („Fünfgezackt in die Hand“) oder in die Musikgeschichte, die ein barockes Vorbild für Kleins aus Ouvertüre, Allemande, Courante, Sarabande, Air und Gigue bestehende „Suite“ zu bieten hat.
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