| Unter diesen Umständen wäre der Versuch einer Gesamtdarstellung aller Voraussicht nach zum Scheitern verurteilt. Das Kompendium beschränkt sich deshalb auf Beiträge zur Geschichte und die Neufassung zentraler Kapitel. Dieses Unternehmen darf als gelungen bezeichnet werden, auch wenn der üppige Preis des Buches Herausgeber und Verlag die Weitergabe näherer Informationen zu den einzelnen Autoren hätte erlauben sollen.
In der „beck´schen Reihe“ sind zwei schmalere Bände erschienen, die sich gleichwohl hervorragend eignen, Betrachtungen über das Phänomen der Kritik und die menschliche Beurteilungslust, die bisweilen zur Sucht ausarten kann, anzustellen. Thomas Anz und Rainer Bassner liefern in der von ihnen herausgegebenen, oft sinnfällig pointierten Aufsatzsammlung „Literaturkritik“ ein lesenswertes Porträt der Geschichte, Theorie und Praxis. Die übersichtlichen Epochendarstellungen zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass nicht nur herausragende Protagonisten des Genres – wie etwa Hermann Bahr, der einst forderte, ein Rezensent habe Verwandlungsmensch, Kautschukmann und Schlangenmensch des Geistes zu sein – ausführliche Erwähnung finden, sondern auch den dazugehörigen Literaturzeitschriften ein angemessener Platz eingeräumt wird. Der Praxisteil enthält eine Reihe wertvoller Hinweise, aktuelle Beispiele und Internetadressen, überdies finden sich zahlreiche weiterführende Literaturangaben.
Noch grundsätzlicher nähert sich der frühere Anglistikprofessor Hans-Dieter Gelfert dem Thema. Er stellt sich und den Lesern die allemal mutige Frage „Was ist gute Literatur?“ und kann anhand ausgewählter Kriterien der ästhetischen Wahrnehmung immerhin nachweisen, dass subjektive Einschätzungen individuell befriedigend sein können, aber vielleicht doch nicht zur Bewertung von Literatur und Kunst taugen. Gelferts Buch ist bei aller Gelehrsamkeit höchst amüsant zu lesen und hält neben giftigen Attacken gegen Authentizitätskitsch, verramschte Bücher von Döblin-Preisträgern und allzu absichtsvolle Verkünstlichungen auch eine reizvolle Portion selbstkritische Nestbeschmutzung parat. Der terminologische und methodologische Drahtverhau, den die Literaturwissenschaft um ihren Gegenstand errichtet habe, sei selbst für die meisten Studierenden dieser Fächer undurchdringlich, meint der renommierte Fachbuchautor.
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