| Der triumphale Erfolg beim weltberühmten Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel steht einer steilen Karriere selten im Wege. Doch Baiba Skride hat auch vor und nach 2001 bewiesen, dass sie zu den ganz großen Geigerinnen ihrer Generation zählt: damals, gerade 14jährig, als sie den Internationalen Wettbewerb Kloster Schöntal gewann, und heute, mit immer noch jungen 23 Lenzen, da sie zu den wenigen Künstlerinnen gehört, denen ein großes Label – in diesem Fall Sony Classical – einen Exklusivvertrag anbietet.
Wer sie noch nicht live erlebt hat, kann jetzt auf CD nachempfinden, was die in der Tat exklusive Besonderheit dieser Geigerin ausmacht. Und das gleich zwei Mal, weil sich die in Riga geborene Baiba Skride nicht mit einem Debütalbum begnügt. Diese Entscheidung ist durchaus sinnvoll, denn während auf der einen Scheibe Konzertstücke von Mozart, Schubert und Michael Haydn in kongenialem Zusammenspiel mit einem perfekt disponierten Klangkörper (Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach unter Hartmut Haenchen) zelebriert werden, hält sie das Publikum auf der Solo-CD mit Werken von Johann Sebastian Bach, Eugene Ysaÿe und Béla Bartók ganz allein unter Hochspannung.
Es ist nicht nur die technische Perfektion, mit der Skride ihre Stradivari „Huggins“ aus dem Jahr 1708 von einem Klangerlebnis zum nächsten huschen lässt. Auch die atemberaubenden Tempowechsel und virtuosen Dauerläufe können Spitzengeiger notfalls üben und halbwegs unfallfrei zu Gehör bringen. Doch was Skride aus den 256 Takten der monströsen, Bachs d-moll-Partita abschließenden „Ciaconna“, den dynamischen Nuancen der in sich selbst versponnenen Ysaÿe -Sonate oder dem sich überschlagenden Sechzehntelfeuerwerk macht, das den 1. Satz des Haydn-Konzertes überstrahlt, kündet von bedingungsloser Meisterschaft, die weder gekauft noch antrainiert werden kann.
Diese Darbietung ist nur der eigenen Begabung und dem mit untrüglichem Stilbewusstsein zelebrierten Werk verpflichtet. Die rasante und doch bis ins Detail beherrschte Interpretation entpuppt sich als zwangsläufige Folge einer inneren Notwendigkeit. Der Notentext gewinnt so eine geradezu physische Dimension von schlicht überwältigenden Ausmaßen. Kunst kommt eben doch von müssen - mit großer Wahrscheinlichkeit DIE Klassik-Entdeckung des Jahres 2004.
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