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Stegemann Musikkritik 30

Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

Karl V.

Im Gegensatz zu seiner weltweit erfolgreichen Jazz-Oper "Jonny spielt auf" brachte es Ernst Kreneks Bühnenwerk mit Musik "Karl V." immer nur zu gelegentlichen Aufführungen. Schon die Wiener Staatsoper, die das Werk selbst in Auftrag gegeben hatte, sagte die für 1934 geplante Uraufführung unter dem Druck der nazifreundlichen Heimwehr ab. Aber auch nach dem Krieg kam es nur zu seltenen Neuinszenierungen, die desöfteren in erster Linie durch dramatische Kürzungen auffielen.
Das ist umso bedauerlicher als es sich bei "Karl V." nicht nur um die erste abendfüllende Zwölftonoper der Musikgeschichte, sondern vor allem um ein breit dimensioniertes, ungeheuer fesselndes Welttheater von höchster Aktualität handelt. Krenek zeigt den übermächtigen Kaiser bei dem verzweifelten Versuch, sein Leben, dessen Entscheidungen und Unterlassungen vor Gott, Kirche und Zeitgenossen und nicht zuletzt vor sich selbst zu rechtfertigen.

Immer wieder stellt er ihn vor die Frage nach der persönlichen Verantwortung des einzelnen Menschen, der sich in einer Welt, die von Unterdrückung, Brutalität und Krieg verwüstet ist, an moralischen Wertmaßstäben messen lassen will. Schließlich läßt Krenek den Zuschauer zu der Erkenntnis gelangen, dass nicht Wut, Hass und Gewalt, sondern nur universelle Lösungen, die von Toleranz und Mitmenschlichkeit geprägt sind, uns allen ein friedliches, freiheitliches und menschenwürdiges Dasein garantieren können.

MDG hat vor kurzem die erste vollständige CD-Einspielung des monumentalen Werkes veröffentlicht. Der Mitschnitt einer Veranstaltung des Bonner Beethovenfestes 2000 wird der Ausnahmestellung des Werkes nicht nur musikalisch, sondern auch in den breit angelegten Dialogszenen vollauf gerecht. Besondere Erwähnung verdient neben dem überdurchschnittlich oft beschäftigten Tschechischen Philharmonischen Chorus Brno das glänzend
disponierte Orchester der Beethovenhalle Bonn unter der ebenso einfühlsamen wie explosiven Leitung von Marc Soustrot, der hier beweist, dass Zwölftonmusik überhaupt gar nichts mit emotionaler Enthaltsamkeit zu tun haben muss.

Ernst Krenek: Karl V., MDG, 2 CDs

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