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Stegemann Musikkritik 59

Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

“Renée Fleming: Bel Canto“

Ganz Überraschend kam der Titel des neuen Renée Fleming-Albums nicht, denn die in aller Welt gefeierte Sopranistin hatte zwar bislang vorwiegend in Opern von Händel, Mozart oder Strauss geglänzt, aber doch auch immer wieder Ausflüge in die Welt des Belcanto unternommen. Nach einem frühen Auftritt in Cherubinis "Medée" gab sie 1993 die Titelrolle in Rossinis "Armida" und war später auch in Donizettis "Lucrezia Borgia", "Rosmonda d´Inghilterra" oder Bellinis "Il pirata" zu hören.

Trotz dieser Vorgeschichte kommt die aktuelle CD mit Arien und Szenen aus Bellinis "La sonnambula" und "Il pirata", Donizettis "Maria Padilla" und "Lucrezia Borgia" sowie Rossinis "Semiramide" und "Armida" einer musikalischen Sensation gleich. Denn Fleming gelingt - nach der offenbar ertragreichen Beschäftigung mit Originalpartituren und Aufführungstraditionen - das seltene Kunststück, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Ihre Interpretation besitzt genau die "mozartsche Linienführung und Schönheit des Tons", exakt das "breite Register" nebst "feuriger Koloratur", die sie selbst als unabdingbar bezeichnet hatte. Optimale Voraussetzungen also, um das aufnahmebereite Publikum durch einen vokalen Drahtseilakt in pflichtschuldige Begeisterung zu versetzen.

Doch darum geht es Fleming nicht, und das hebt diese Platte von den allermeisten vergleichbaren Aufnahmen ab. Die schwedische Sopranistin verleiht den einzelnen Werken nicht nur musikalische Brillanz - durch die beispiellose Differenzierung von Tempo, Timbre und Dynamik gibt sie denselben emotionale Wahrhaftigkeit und entdeckt hinter der scheinbar vordergründigen Virtuosität des Belcanto menschliche Dramen, die kein geschmackliches Verfallsdatum kennen. Ohne das hellwache Orchestra of St Luke´s unter dem auf minimalste Details reagierenden Dirigenten Patrick Summers wäre ein solcher diskographischer Glücksfall allerdings wohl nicht ohne weiteres möglich gewesen. So aber wird "Bel Canto" vermutlich auch all diejenigen OpernliebhaberInnen begeistern, die mit der häppchenweisen Verabreichung musiktheatralischer "Gesamtkunstwerke" ihre Probleme haben ...

Renée Fleming: Bel Canto, Decca

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