| Vor einem halben Jahrhundert, als die Menschen leichter zu beeindrucken und insgesamt gefühlstüchtiger waren, bekam Eugene O´Neill für sein Familiendrama „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ sogar noch posthum den renommierten Pulitzer-Preis. Heute hat selbst der moderne Klassiker etwas Staub angesetzt, doch es gibt Regisseure, die sich davon nicht beirren lassen.
Die Geschichte um den auf schnelles Geld statt große Rollen erpichten Schauspieler James Tyrone, seine morphiumsüchtige Gattin Mary, die lieber Nonne oder wenigstens Klaviervirtuosin geworden wäre, und die missratenen Söhne James und Edmund, die vom Papa allein die Liebe zum Alkohol geerbt haben, fand vor 50 Jahren umso mehr Aufmerksamkeit, als der Text mit einer Unzahl autobiografischer Details aufwartete. O´Neill hatte deshalb verfügt, dass dieses Stück erst 25 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden sollte. Doch seine dritte Frau, der er das Opus mit den vielzitierten Zutaten „Blut und Tränen“ widmete, mochte nur drei Jahre auf die programmierte Sensation warten.
Selbige blieb nach der Uraufführung in Stockholm (1956) zwar nicht aus, doch ganz allmählich stellten sich im Umreis von O´Neills wüster, ziel- und auswegloser Mixtur aus Liebeserklärungen und Hasstiraden, Vorwürfen, Selbstanklagen und variablen Lebenslügen fortschreitende Ermüdungserscheinungen ein. Zu pathetisch und melodramatisch, zu konstruiert und viel zu redselig erschien seine lange Reise dem nachwachsenden Publikum, das von zuhause vielleicht Ähnliches gewohnt und zum Zwecke des verständnislosen Kopfschüttelns längst nicht mehr auf den voyeuristischen Blick in einen degenerierten Künstlerhaushalt angewiesen war.
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