| Erstveröffentlichung im Rahmen einer Kulturreportage zum Thema Operette für den „Rheinischen Merkur.
Seit geraumer Zeit bemühen sich die Theater um eine Renaissance der Operette. Doch die Experimentierfreude ihres Publikums hält sich in Grenzen.
Im Vergleich zu der Entschiedenheit, mit der die Operette seit Jahrzehnten totgesagt wird, geht es ihr erstaunlich gut. Die zählebige Gattung hat den Versuch überstanden, ihr jede ästhetische Qualität abzusprechen und sie als theatralischen Ausdruck bürgerlicher Dekadenz zu enttarnen. Das Verdikt berühmter Intellektueller, die mit Kurt Tucholsky meinten, wenn Puccini schon der Verdi des kleinen Mannes sei, dann müsse Lehár als Puccini des noch kleineren Mannes betrachtet werden, sind ebenso folgenlos geblieben wie das zeitweilige Bemühen, die Operette zugunsten des Musicals von den Spielplänen zu streichen.
Folgerichtig gilt das runde Dutzend besonders populärer Stücke auch im 21. Jahrhundert als risikolose Erfolgsgarantie, die so manche Jahresbilanz aufpolieren kann. Nach der zuletzt erschienenen Statistik des Deutschen Bühnenvereins für die Saison 2003/04 zählten die Theater in Deutschland, Österreich und der Schweiz 273.657 Besucher in Emmerich Kálmáns „Gräfin Mariza“ und 205.773 Freunde der unverwüstlichen „Fledermaus“. Andere Strauss-Operetten wie „Eine Nacht in Venedig“ und „Wiener Blut“ kamen auf gut 60.000 Zuschauer, Lehárs „Die lustige Witwe“ lag bei über 100.000, Benatzkys „Im weißen Rössl“ bei mehr als 86.000 und Carl Zellers „Der Vogelhändler ebenso wie Carl Millöckers „Bettelstudent“ immerhin noch deutlich über 50.000. Gerade an kleinen und mittelstädtischen Theatern wäre ein Verzicht auf die Operette undenkbar. Dirk Löschner, Verwaltungsdirektor am Landestheater Detmold, beziffert die Platzausnutzung bei solchen Produktionen auf 70 bis 90 Prozent. Sie liegt damit „grundsätzlich über dem Durchschnitt“.
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