| Seit einigen Jahren scheint sich diese Sicht grundlegend verändert zu haben. 2002 stellte der Komponist Manfred Trojahn in Amsterdam unter der Regie von Jürgen Flimm eine komplette Neufassung der - ohnehin nicht von Mozart, sondern von dessen Schüler Franz Xaver Süßmayr komponierten - Rezitative vor. Im vergangenen Mai verabschiedeten sich Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher und Regisseur Peter Konwitschny ausgerechnet mit „Titus“ von der Hamburgischen Staatsoper, und zum 250. Geburtstag des Götterlieblings wird das lange verschmähte Stück nun öfter als je zuvor auf den Spielplan gesetzt.
Während Dresden im kommenden Jahr Steffen Pionteks Inszenierung von 1994 und München Martin Duncans Sicht der Dinge von 1999 reaktiviert, werden in Zürich, an der Wiener Volksoper und bei den Salzburger Festspielen Wiederaufnahmen der Interpretationen von Jonathan Miller, Nicolas Brieger und Martin Kušej zu sehen sein. Bereits seit November zeigt das Theater Aachen eine vieldiskutierte Co-Produktion mit dem Theater Freiburg, bei der Ludger Engel Regie führt. In Potsdam hat Intendant Uwe Eric Laufenberg fast zeitgleich eine aktuelle Deutung vorgelegt, und für 2006 sind weitere Neuinszenierungen in Münster, Braunschweig, Oldenburg, Frankfurt oder Düsseldorf geplant. Main- und Rheinmetropole konnten mit Christof Loy und Christof Nel sogar zwei veritable Starregisseure für das sperrige Unternehmen verpflichten.
Es scheint vor allem die politische Dimension zu sein, welche die Parabel vom gütigen Kaiser plötzlich in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Allerdings ist offenbar nur Christof Loy bereit, das Werk auch „ganz unzynisch“ als mehr oder weniger gelungenen, aber jedenfalls ernstgemeinten Versuch zu betrachten, „den Versuchungen der Macht durch Menschenliebe = Güte = Clemenza zu entkommen.“ Schon Martin Kušej sah das weniger optimistisch und entdeckte bei seiner Salzburger Inszenierung eine „verlogene Moral gnadenloser Gnadenakte“, die sich zu bedrohlichen Normzwängen verdichten, „von denen wir jetzt schon wissen, dass sie die Würde des Menschen mehr und mehr angreifen.“
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