| Für Wolfgang Quetes, den Generalintendanten der Städtischen Bühnen Münster, steht fest, dass „Titus“ auf keinen Fall historisch erzählt werden darf. Seine Inszenierung, die im kommenden Februar Premiere feiert, will die Psychologie der Personen in den Mittelpunkt stellen und herausfinden, inwieweit Humanität und Staatsräson überhaupt vereinbar sind. Der römische Machtapparat erscheint folgerichtig im funktionalen Design der Gegenwart, über 50% der umfangreichen Rezitative werden gestrichen, und das liebgewordene Bild vom harmlosen Rokoko-Komponisten verschwindet in der Versenkung. „Im Grunde hat dieses Stück viel mit Beethovens ´Fidelio´ zu tun. Es zeigt uns den politischen Mozart,“ meint Quetes.
Anthony Pilavachi, der „La clemenza di Tito“ am Oldenburgischen Staatstheater inszeniert, will sich ebenfalls nicht an die konkreten zeitlichen und räumlichen Vorgaben halten, mit deren Hilfe der kaiserliche Hofpoet Pietro Metastasio und sein späterer Bearbeiter Caterino Mazzolà das Geschehen in römischen Prachtbauten des Jahres 79 n. Chr. fixierten. „Werktreu ist zweifellos ein fiktiver Begriff, den sich das Mittelmaß geschaffen hat,“ meint Pilavachi ohne erkennbare Rücksicht auf die schwachen Nerven des Abonnementpublikums. „Es ist doch selbstverständlich, dass sich Sinn und Wesen eines dramaturgischen Werkes jeder Generation anders offenbart.“ Trotzdem glaubt er, dass in der Partitur der Schlüssel für eine zeitgemäße Deutung und eine Antwort auf die spannende Frage liegt, was man sich unter der Gnade eines Diktators genau vorzustellen hat. Darum strebt Pilavachi keinen Alleingang des Regietheaters, sondern ein „Gleichgewicht von Musik und Szene“ an.
Die Neubewertung des „Titus“ stützt sich eben auch auf die neu entdeckten kompositorischen Qualitäten. Während Hildesheimer noch eine Musik beschrieb, „die sich an einem wertlosen Papiermonument aufrankt, ohne es, letzten Endes, gänzlich verdecken zu können“, sehen ausführende Künstler wie Aachens Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch jetzt sogar die Chance, „einen neuen Mozartstil zu etablieren, der auf den Kenntnissen einer historisch informierten Aufführungspraxis beruht.“ Bosch hat sich aber auch vorgenommen, mit dem unbekannten „Titus“ gegen „extrem gefestigte Hörgewohnheiten beim Publikum“ anzukämpfen und selbiges im Idealfall zu bewegen, sich auf ein neues Mozartbild einzulassen.
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