| Vor Beginn des dritten Aktes beleuchtet der Eifelturm das letzte Aufbäumen pontevedrinischer Lebenslust. Zwanzig Minuten später haben alle Feierwütigen ihren faulen Kompromiss im Arm und das gute Gefühl, endlich die große Liebe gefunden, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und überhaupt in der besten aller möglichen Welten zu leben.
Der vom Marschrhythmus diktierte Zweckoptimismus hat ein Jahrhundert überlebt, und mit ihm wandern weitere Fragen vom Gestern ins Heute – und umgekehrt. Warum ist es der neuerdings so viel diskutierten Unterschicht eigentlich nie gelungen, Arbeitslosigkeit als Privileg zu begreifen? Aus welchem Grund bekennt sich nicht jede(r) offen zu seinen Wünschen und Bedürfnissen, wenn es sowieso immer nur um Macht, Geld oder Sex geht? Und wäre eine „Politik der offenen Türen“ unter diesen verqueren Bedingungen nicht allemal sympathischer ist als eine Politik der kleinen Schritte?
Möglicherweise, doch Regisseur Jürgen Pöckel sucht bei seiner Neuinszenierung der „lustigen Witwe“ keine platten Analogien. Im stilisierten Belle Epoque-Ambiente von Ulrike Barbara Radichevich entwirft er permanente Annäherungsversuche und gezielte Nicht-Begegnungen. Sie zeigen, wie eine Gesellschaft ruhelos um ihren längst verschwundenen Mittelpunkt kreist – ohne ein Defizit zu bemerken, das eigene Handeln in Frage zu stellen oder auch nur einen Blick aus dem Fenster zu werfen.
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