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Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion SWO über Carl Zuckmayer_Geheimreport


Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

Carl Zuckmayer: Geheimreport

Die Geschichte dieses Buches ist mindestens so aufregend wie sein Inhalt. In den Jahren 1943 und 44 verfasste der deutsche Dramatiker Carl Zuckmayer im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes „Office of Strategic Services“ 150 sehr persönliche Charakterstudien. Sie galten den wichtigsten Kulturschaffenden des Dritten Reiches, Schriftstellern und Schauspielern, Journalisten und Verlegern, Regisseuren und Theaterleitern. Zuckmayer skizzierte nicht nur die politische Einstellung, sondern auch private Besonderheiten und teilte seine Untersuchungsgegenstände in die Kategorien „Positiv (Vom Nazi-Einfluss unberührt, widerstrebend, zuverlässig)“, „Negativ (Nazis, Anschmeisser, Nutzniesser, Kreaturen), „Sonderfälle, teils positiv, teils negativ – nicht ohne weiteres einzuordnen“ und „Indifferente, Undurchsichtige, Verschwommene, Fragliche“ ein.

Historisch bringt das bis 2002 gesperrte Geheimdossier, das also fast 60 Jahre auf seine Veröffentlichung warten musste, nicht viel Neues. Doch die Art und Weise, wie sich Zuckmayer der offenbar nicht unangenehmen Aufgabe entledigt hat, enthüllt ein essayistisches Talent, das man dem Autor des „Hauptmanns von Köpenick“ und „Des Teufels General“ nicht zwingend zugetraut hätte. Mit knappen Worten, gestochen scharfen Formulierungen, viel Humor, Hintersinn und jeder Menge boshafter Sottisen entwirft Zuckmayer hier ein einmaliges Breitbandpanorama deutscher Kultur- und Zeitgeschichte.
Heinz Rühmann wird von dem Vorwurf, sich von seiner jüdischen Frau getrennt zu haben, nonchalant freigesprochen, weil es sich bei der Dame „nach dem persönlichen Eindruck des Verf.“ um eine regelrechte „Landplage“ handelte. Leni Riefenstahl darf sich dagegen der uneingeschränkten Abscheu des Verfassers sicher sein. Die unfein als „Reichsgletscherspalte“ eingeführte Regisseurin „soll auch mit Hitler geschlafen haben was der Verf. aber nicht glaubt. (Beiderseitige Impotenz anzunehmen.)“

Heinrich George steht „Disziplinlosigkeit, Herrschsucht, Sauferei“ im Wege, und Gustav Gründgens wird „skrupelloser Erfolgsinstinkt, völlige Vorurteils- und Bedenkenlosigkeit, immer mit einem Schuss tollkühnen, fast manischen Abenteurertums“ attestiert. Ina Seidel und Agnes Miegel haben „kein Käthe-Kollwitz-Format sondern etwas von schöngeistigen Mädchenschullehrerinnen und Kränzchenschwestern“, aber Emil Jannings kommt in den Genuss einer ganz besonderen Sympathieerklärung: „Ich liebe die alte Sau.“

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