| Sibylle Wagner
Rudij Bergmann über Sibylle WagnerDa sind die Bilder der Stille, die nie stille Bilder waren. In ihrer Unschärfe den Raum erschließend, den Blick freigebend in die selbst zu bestimmende Ferne, nicht durch eine Öffnung, nicht einmal verschämt durch einen Schlitz: er dringt durch einen Schleier ins Weite. Sibylle Wagner, Anfang der Neunziger. Ich zitiere am liebsten mich selbst: "Viele Schichten, etwas schiebt sich vor etwas. Was statisch scheint, ist in Bewegung: Prozeß, Imagination. Die wie geschlossen wirkende Farbfläche hat ihre Öffnung: Rechteckig, ein schwebender Körper, ein Eisblock eventuell". Da ist nichts zu relativieren, nur vieles hinzuzufügen. Zum Beispiel: wie aus der schwimmend-schwebenden (Farb)Fläche - meinetwegen auch kosmisches Gebrause - so allmählich und unauffällig-unaufdringlich, Gebilde entsteigen, die als Flecken und Punkte, manchesmal wie Einschüsse - natürlich Acryl, Tusche, Gouache, Pigmente - sich drehen und wenden und dann ebenso allmählich zu Skripturalem werden, zu Schriftzeichen an der (Lein)Wand, die auch Japan-Papier sein kann. Abfolge, Rhythmus, Prozeß. Weder in einem Bild, obzwar dort die versteckte Andeutung auf das Mögliche. Noch in der Chronologie. In der schwunghaften Beziehung der Bilder zueinander entsteht die Schrift. Lesbar und unentzifferbar. Zum Verstehen nah und so flüchtig fern. Das ist Lebensgefühl und es sind Fernsehbilder. Der Augenblick auf der Flucht vor seinem Betrachter... mit solchen Bildern versetzt uns Sibylle Wagner in unsere Zeit.
"Malen wie Schreiben" hat das Gert Reising genannt. Ihm klingt es wie Chinoiserie. Mir eher wie Jahrhunderte. In ihrer Fremdheit uns kaum begreiflich vertraut, die Schrift, weil: sie kommt von weit her, die Kalligraphie der Unbestimmten, die Zustände ausdrückt, Fakten umkreist. Von weit her heißt (in meiner Interpretation): die staubigen Straßen der Geschichte, die brodelnden Plätze in uns. Historie und Hysterie.
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